Wenn Komplexität sich selbst im Wege steht
Es gibt einen besonderen Typus des Scheiterns, der nur den Brillanten vorbehalten ist. Es ist nicht das Scheitern aus Unwissenheit, nicht das Stolpern über fehlende Daten oder mangelnde Bildung. Es ist das Scheitern aus Überzeugung. Der blinde Fleck, der gerade deshalb unsichtbar bleibt, weil er von der eigenen Expertise ausgeleuchtet wird.
Wir können dieses Phänomen an einem konkreten Fall studieren, nicht um eine Person anzuklagen, sondern um ein Muster zu verstehen, das weit über den Einzelfall hinausreicht: Wie kann es sein, dass Menschen, die auf höchstem Niveau über Komplexität nachdenken, systematisch die Komplexität des Inneren verleugnen?
I
Dave Snowden ist einer der einflussreichsten Denker im Bereich der Komplexitätstheorie. Sein Cynefin-Framework hat Generationen von Führungskräften geholfen, zwischen klaren, komplizierten, komplexen und chaotischen Situationen zu unterscheiden. Er ist ein scharfer Kritiker von Vereinfachungen, ein Verfechter des Kontexts, ein Prediger der Emergenz. Er warnt uns davor, die Welt in Boxen zu pressen, die ihr nicht gerecht werden.
Und doch: Wenn es um die Psychologie des Individuums geht, um Modelle wie die Big Five, HEXACO oder Theorien der Bedeutungskonstruktion, verfällt derselbe Denker in eine pauschale Ablehnung, die seiner sonstigen Differenziertheit unwürdig ist.
Er nennt die Big Five „ontologisch fragwürdig in ihren atomistischen Annahmen“, verwirft die Idee, dass wir Menschen durch explizite Fragen erfassen könnten und bezeichnet Theorien der Bedeutungskonstruktion als Humbug.
Das ist bemerkenswert. Nicht weil Snowden unrecht hätte, Vorsicht gegenüber psychometrischen Modellen zu empfehlen. Sondern weil er hier einen Fehler begeht, den er in seinem eigenen Fachgebiet nicht durchgehen lassen würde: Er verwechselt die Landkarte mit dem Gebiet, das Messinstrument mit seinem Missbrauch, und die Beschreibung einer Hierarchie mit einer moralischen Wertung.
Und Snowden verleugnet dabei genau jene hierarchische Komplexität, die er selbst benötigt, um seine eigene Ontologie überhaupt zu formulieren. Er sagt oft, dass Cynefin ein Sensemaking-Framework sei und kein Kategorisierungs-Framework. Kategorisierung ist eine Operation auf der konkreten oder abstrakten Stufe des MHC. Sensemaking – wie er es beschreibt: das dynamische Verstehen von Übergängen – ist eine systematische oder metasystematische Operation.
Indem er also diese Kategorisierung ablehnt, „verbietet“ er Menschen das Laufen (das abstrakte Denken), weil er will, dass alle fliegen (das metasystematische Denken). Er überspringt die notwendigen Stufen dazwischen. Snowden will das Ziel – die Fluidität – ohne den Weg zu gehen – der Struktur.
II
Der erste Fehler ist fast trivial, aber er ist symptomatisch. Snowden kritisiert die Big Five mit dem Argument, wir könnten Menschen nicht „kategorisieren“. Aber die Big Five kategorisieren nicht; sie messen Dimensionen.
Der Unterschied ist fundamental. Der Myers-Briggs Type Indicator (MBTI), den Snowden zu Recht als Pseudowissenschaft bezeichnet, teilt Menschen in sechzehn diskrete Typen ein. Die Big Five hingegen messen fünf kontinuierliche Dimensionen (Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus), auf denen jeder Mensch irgendwo liegt. Es ist der Unterschied zwischen „Du bist groß oder klein“ und „Du misst 1,78 Meter“.
Die Big Five sind eines der am besten replizierten Konstrukte der empirischen Psychologie. Sie sind kulturübergreifend validiert, prognostisch nützlich und, das ist entscheidend, sie beschreiben Tendenzen, keine Schicksale. Ein hoher Wert in Neurotizismus ist kein Urteil, sondern eine Information. Was damit gemacht wird, bleibt offen. Sie sind Ziel, nicht Verdammnis.
Snowden wischt das vom Tisch, indem er rhetorisch so tut, als wären Traits dasselbe wie Types. Das ist entweder intellektuelle Unschärfe oder ein Symptom von etwas Tieferem.
III
Der tiefere Fehler liegt in einer systematischen Konfusion zweier völlig verschiedener Fragen: „Ist dieses Modell empirisch valide?“ und „Kann dieses Modell missbraucht werden?“
Snowden scheint zu glauben, dass die Existenz eines Messinstruments automatisch dessen Missbrauch impliziert. Weil Persönlichkeitstests in Unternehmen zur Selektion und Diskriminierung verwendet werden können, sind sie per se verdächtig. Weil Entwicklungsmodelle hierarchisch sind, riechen sie nach Elitarismus.
Das ist, als würden wir Thermometer ablehnen, weil jemand damit die Temperatur in einem Gefängnis kontrollieren könnte.
Ein Messinstrument ist ein Werkzeug. Seine ethische Valenz hängt von der Anwendung ab, nicht von seiner Existenz. Snowden, der sonst so präzise zwischen Domänen unterscheidet, kollabiert hier zwei Ebenen, die getrennt gehören. Die Frage, ob die Big Five messen, was sie zu messen vorgeben (ja, robust), ist unabhängig von der Frage, ob ein HR-Manager sie nutzt, um Bewerber in Schubladen zu stecken (möglich, aber kein Argument gegen die Validität).
IV
Was hier geschieht, hat einen Namen: der naturalistische Fehlschluss. Er schließt vom Sein auf das Sollen. Die implizite Argumentation lautet: „Weil Menschen komplexe, fluide, kontextabhängige Systeme sind (Sein), dürfen wir keine Modelle verwenden, die stabile Eigenschaften messen (Sollen).“
Allerdings greift das hier nicht. Nur weil Wasser fluide ist, können wir trotzdem messen, ob es gerade zwanzig oder achtzig Grad hat. Nur weil Persönlichkeit sich über die Lebensspanne entwickelt, heißt das nicht, dass wir ihren aktuellen Zustand nicht erfassen können. Die Momentaufnahme leugnet nicht den Film; sie ist ein Frame daraus.
Snowden, der Priester der Wildnis, der uns lehrt, dass nicht alles berechenbar ist, vergisst hier, dass auch die Gärtner:innen, die Beete anlegen, die Wildnis nicht leugnen. Sie schaffen nur einen Kontext, in dem Erkenntnis wachsen kann.
V
Snowdens Ablehnung von Entwicklungsmodellen wie dem Model of Hierarchical Complexity (MHC) oder Robert Kegans Stufen der Bedeutungskonstruktion ist dabei nicht nur empirisch fragwürdig – sie ist performativ widersprüchlich.
Um Snowdens eigene Ontologie zu verstehen, um zwischen den Domänen des Cynefin-Frameworks zu unterscheiden und metakognitiv zu entscheiden, wie wir in einer komplexen Situation handeln, muss ein Geist auf einer sehr hohen Stufe der hierarchischen Komplexität operieren. Wir müssen Systeme als Objekte betrachten können, statt in ihnen gefangen zu sein. Wir müssen zwischen Ontologien wechseln können.
Das ist, in Kegans Terminologie, eine Leistung, die frühestens auf Stufe 4 (Selbst-Autorenschaft) möglich wird und ihre volle Entfaltung erst auf Stufe 5 (Selbst-Transformierend) erreicht. Es ist, im MHC, eine metasystematische Operation.
Snowden setzt diese Fähigkeit bei seinen Leser:innen und Klient:innen implizit voraus. Aber er lehnt die Modelle ab, die beschreiben, wie diese Fähigkeit entsteht und warum nicht jeder sie hat. Er sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.
VI
Ken Wilber – der selbst kritisch zu betrachten ist – und später Hanzi Freinacht haben für dieses Phänomen einen Begriff geprägt: Flatland. Wenn wir vertikale Unterschiede (Entwicklungsstufen, Komplexitätsgrade der Verarbeitung) leugnen, machen wir die Welt nicht freier. Wir machen sie flacher.
Indem Snowden sagt „Alles ist Kontext, es gibt keine stabilen inneren Stufen“, reduziert er das Subjekt auf ein bloßes Reaktionsmedium der Außenwelt. Er macht den Menschen paradoxerweise vollständig abhängig vom Kontext – was ihn unfreier macht als jedes Stufenmodell.
Er kritisiert die Big Five als „atomistisch“, aber seine eigene Sichtweise atomisiert das Individuum in eine Sammlung von kontextuellen Reaktionen, ohne die integrierende Struktur anzuerkennen: das Selbst, das diese Reaktionen interpretiert, das Bedeutung konstruiert, das sich entwickelt.
Die Egalisierung, die er betreibt, ist selbst ein Reduktionismus. Sie verleugnet die Tiefendimension des Menschlichen zugunsten einer Oberfläche aus Narrativen und Kontexten.
VII
Warum tut jemand das? Warum verfällt ein Denker, der Nuancen predigt, in Schwarz-Weiß-Malerei, sobald es um die Innenwelt geht?
Eine wohlwollende Interpretation: Snowden reagiert völlig zurecht auf den realen Missbrauch von Hierarchie. In der Unternehmenswelt werden Entwicklungsmodelle oft instrumentalisiert, um Eliten zu rechtfertigen. „Ich bin strategisch, du bist operativ.“ „Ich bin Stufe 5, du bist Stufe 3.“ „Ich grün, du rot.“ Das ist toxisch, und er hat recht, dagegen zu kämpfen. Seine Abwehr ist eine verständliche Immunreaktion auf den narzisstischen Missbrauch von Entwicklungsmodellen. Allerdings bekämpfen wir Missbrauch nicht, indem wir die Fakten leugnen, sondern indem wir die Ethik der Anwendung stärken.
Snowden verwechselt hier die Beschreibung einer Wachstumshierarchie mit einer Dominanzhierarchie. Zu sagen, dass kognitive Entwicklung Stufen durchläuft, ist keine moralische Wertung. Es ist eine empirische Beobachtung. Ein Kind, das noch nicht abstrakt denken kann, ist nicht weniger wert als ein Erwachsener. Aber es kann bestimmte Aufgaben nicht lösen.
Indem Snowden diese Unterscheidung verweigert, lässt er Menschen in der Komplexität allein. Er sagt ihnen implizit: „Du kannst Cynefin verstehen, wenn wir nur den Kontext richtig gestalten.“ Aber das stimmt nicht. Manche Menschen brauchen erst die Entwicklung der kognitiven Werkzeuge, bevor sie metasystematisch denken können. Das zu leugnen ist keine Befreiung. Es ist eine Verweigerung von Unterstützung.
VIII
Was können wir aus diesem Fall lernen, jenseits der Kritik an einer einzelnen Person?
Erstens → Hohe Intelligenz ist nicht dasselbe wie fortgeschrittene Bedeutungskonstruktion. Wir können brillant sein im Manipulieren von Systemen (kognitive Komplexität) und gleichzeitig blind für die eigenen Vorannahmen (Ich-Entwicklung). Das Model of Hierarchical Complexity misst die Komplexität von Aufgaben, die jemand lösen kann. Kegans Stufen messen, wie jemand Bedeutung konstruiert, wie er sich selbst und die Welt versteht.
Diese beiden Dimensionen korrelieren, aber sie sind nicht identisch. Auf jeder dieser Stufen können Menschen gütig und gerecht sein. Daher benötigen wir beide Linsen: Das MHC für die kognitive Kapazität und Kohlberg/Loevinger/Kegan für die emotionale und moralische Reife. Snowden kollabiert beides in „Kognition“ und verwirft dann beides.
Zweitens → Expertise in einem Bereich schützt nicht vor blinden Flecken in einem anderen. Snowden ist ein Meister der externen Komplexität, der Systeme, der Organisationen, der Ökologie. Aber die interne Komplexität, die Psyche, das Subjekt, behandelt er mit einer Pauschalität, die seiner sonstigen Differenziertheit widerspricht. Der Priester der Wildnis hat einen Garten, den er nicht betritt.
Drittens → Die Ablehnung von Hierarchie kann selbst zu einem Dogma werden. Wer jede vertikale Unterscheidung als Elitarismus denunziert, endet in einem Flatland, das die Tiefendimension menschlicher Entwicklung leugnet. Das ist keine Befreiung. Es ist eine andere Form der Verarmung.
IX
Wie sähe eine Integration aus? Vielleicht so:
Die Big Five – oder noch differenzierter HEXACO – sind eine nützliche, statistisch robuste Projektion einer viel komplexeren Realität auf eine fünfdimensionale Ebene. Sie helfen uns beim Navigieren, aber sie erklären nicht die Dynamik, wie diese Traits im Moment entstehen. Sie sind Landkarte, nicht Gebiet.
Entwicklungsmodelle wie Kegan oder das MHC beschreiben Wachstumspfade, keine Werturteile. Sie zeigen, dass Menschen unterschiedliche Kapazitäten haben, Komplexität zu verarbeiten, und dass diese Kapazitäten sich entwickeln können. Das ist keine Hierarchie der Würde, sondern eine Hierarchie der Fähigkeit.
Snowdens Cynefin-Framework ist ein mächtiges Werkzeug für externe Komplexität. Aber es braucht ein Komplement für die interne Komplexität: ein Verständnis dafür, warum manche Menschen in der Confusion-Zone verharren, während andere den Sprung zur Unterscheidung schaffen.
Die Wildnis und der Garten schließen sich nicht aus. Gärtner:innen, die Beete anlegen, leugnen nicht den Wald dahinter. Sie schaffen einen Raum, in dem Erkenntnis wachsen kann, ohne zu behaupten, dass der Wald nicht existiert.
Snowden ist kein Feind. Er ist ein Lehrer, der uns zeigt, wie selbst die schärfsten Geister sich in ihren eigenen Überzeugungen verfangen können. Sein blinder Fleck ist ein Spiegel für uns alle.
Die Frage ist nicht, ob wir klüger sind als er. Die Frage ist, ob wir bereit sind, unsere eigenen blinden Flecke zu suchen, bevor sie uns finden: Die wirkliche Komplexität beginnt nicht dort draußen im Chaos, sondern hier drinnen, in dem Versuch, es zu begreifen.