Nicht ganz Tod

Eine Geschichte.

Akt I: Die leere Münze

Der Nebel hatte keine Farbe mehr.

Das war dem Fährmann irgendwann aufgefallen, ohne dass er hätte sagen können, wann genau. Früher – aber wann war früher? – hatte der Nebel noch Grau besessen, Silber, manchmal sogar einen Hauch von Perlmutt, wenn das Licht … aber welches Licht? Es gab kein Licht hier, nur die Idee von Helligkeit, die gerade ausreichte, um Schatten von Schatten zu werfen.

Er stand am Steg. Unter seinen Füßen waren die Planken feucht, aber als er hinsah, waren es keine Planken mehr. Es waren Rippen. Riesige, graue Rippen, die sich nicht bewegten, aber trotzdem atmeten. Er blinzelte. Planken. Natürlich. Planken aus Holz, das nie trocknete, aber auch nie wirklich nass war.

Aber er konnte den Geruch noch riechen. Knochen und Salz.

Seine Hände umklammerten die Stange, mit der er die Fähre stieß. Die linke fühlte sich an wie Holz – oder war es die Stange, die sich wie Fleisch anfühlte? Er konnte nicht mehr sagen, wo seine Finger aufhörten und das Holz begann. Ein Reflex, keine Notwendigkeit. Oder war es umgekehrt? Die Fähre würde auch ohne ihn fahren. Oder nicht fahren. Der Unterschied verschwamm.

Klack.

Schritte auf dem Steg. Hölzern, hohl, wie aus einer Erinnerung an Schritte. Der Fährmann hob den Kopf nicht. Er wusste, wie sie aussahen, die Ankommenden. Verwirrt. Durchscheinend an den Rändern. Noch halb in der Gewohnheit des Atmens gefangen, obwohl die Lungen nur noch die Geste vollführten, nicht mehr die Funktion.

»Ich … ich muss hinüber.«

Eine Frauenstimme. Jung, aber das spielte keine Rolle. Alle klangen jung hier, selbst die Alten. Der Tod machte Kinder aus allen.

»Die Münze«, sagte der Fährmann. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor, als hätte er sie von jemandem geliehen und vergessen, sie zurückzugeben.

Die Frau – ein Schatten in Frauenform – streckte die Hand aus. Darauf lag eine Münze. Der Fährmann starrte sie an. Rund war sie, metallisch, geprägt mit … mit was? Er konnte es nicht erkennen. Nicht mehr. Die Münzen hatten aufgehört, Gesichter zu tragen. Oder er hatte aufgehört, Gesichter zu sehen.

Er nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie war kalt. Oder warm. Oder beides. Als er sie drehte, sah er, dass beide Seiten identisch waren. Nicht gespiegelt. Identisch. Als hätte jemand die Münze in der Mitte durchgeschnitten und die gleiche Hälfte zweimal aufgeklebt.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte die Frau. In ihrer Stimme schwang Panik mit – die letzte Emotion, die die Toten sich leisten konnten, bevor auch sie zur Gewohnheit wurde.

»Die Münze«, wiederholte der Fährmann. Er hielt sie gegen das nicht-vorhandene Licht. »Sie ist …«

Leer. Das Wort kam ihm nicht über die Lippen. Die Münze war leer. Nicht wertlos – Wert war ein Konzept, das hier keine Bedeutung hatte. Aber leer. Ein Zeichen, das auf nichts mehr verwies. Ein Symbol ohne Symbolisierten.

Er leckte sich über die Lippen. Sie schmeckten nach Metall. Nach ihrer Münze.

»Es ist alles, was ich habe«, sagte die Frau. »Man hat sie mir gegeben. Auf die Augen gelegt. Für die Überfahrt.«

Der Fährmann nickte langsam. Man hatte sie ihr gegeben. Wer war ‚man‘? Die Lebenden, vermutlich. Die noch an Münzen glaubten, an Überfahrten, an andere Ufer. Die noch nicht verstanden hatten, dass es nur Zeichen von Zeichen gab, Kopien von Kopien.

Er steckte die Münze in seinen Beutel. Der Beutel war schwer von tausenden solcher Münzen. Oder leicht. Er konnte es nicht mehr unterscheiden.

»Steig ein.«

Die Frau bewegte sich zur Fähre. Ihre Schritte verursachten keine Wellen im Wasser, aber das Wasser erinnerte sich trotzdem. Kleine Vertiefungen blieben zurück, als hätte jemand mit dem Finger in Staub gemalt. Dann füllten sie sich wieder auf, wie rückwärts laufende Zeit.

Der Fährmann folgte ihr, die Stange in der Hand. Als er einen Fuß auf die Fähre setzte, spürte er es wieder – dieses Zerren. Als würde ein Teil von ihm am Ufer bleiben wollen, während der andere bereits auf dem Wasser war. Er kannte das Gefühl. Es begleitete ihn seit …

Seit wann?

Die Frage hallte in seinem Kopf wider, fand aber kein Echo. Nur Stille, die sich als Antwort ausgab.

»Wohin fahren wir?«, fragte die Frau.

»Auf die andere Seite.«

»Was ist dort?«

Der Fährmann stieß die Stange ins Wasser. Es gab keinen Widerstand. Es gab nie Widerstand.

»Die andere Seite«, wiederholte er.

Aber während er die Worte sprach, während die Fähre sich in Bewegung setzte – oder die Illusion von Bewegung vollführte – spürte er, wie sein toter Teil (war es der linke? der rechte? der innere?) sich zu erinnern versuchte. An etwas. An jemanden. An einen Grund.

Es war wie der Versuch, sich an einen Traum zu erinnern, während man träumte. Oder sich an das Wachen zu erinnern, während man tot war. Oder sich an den Tod zu erinnern, während man …

Was war er eigentlich?

Die Frau saß auf der Bank. Ihre Hände lagen im Schoß gefaltet, aber die Finger waren zu lang. Nicht monströs. Nur … zu lang. Als hätte jemand vergessen, wo Finger aufhören sollten. Sie sah ihn an, und in ihren Augen – die keine richtigen Augen mehr waren, nur die Erinnerung an die Funktion von Augen – lag eine Frage.

»Sie nehmen manchmal etwas mit«, hörte er sich sagen. »Die Passagiere.«

»Mit? Wohin?«

»Zurück. Die Lebenden können sie noch sehen. Kurz. Wenn sie … wenn sie etwas für mich tun.«

Die Worte kamen automatisch, ein Skript, das er nicht geschrieben hatte. Oder nicht mehr erinnerte, geschrieben zu haben.

Die Frau lehnte sich zurück. »Was müsste ich tun?«

Der Fährmann öffnete den Mund, aber keine Antwort kam. Was sollte sie tun? Was hatte er all die anderen tun lassen? Es musste wichtig gewesen sein. So wichtig, dass er seine Position hier riskierte, die Regeln bog, die … welche Regeln?

»Ich muss jemanden finden«, begann er und stockte.

»Wen?«

Die Fähre glitt durch den Nebel. Oder der Nebel glitt um die Fähre. Bewegung war relativ, wenn alles stillstand.

Der Fährmann schloss die Augen. Oder öffnete sie. Es machte keinen Unterschied mehr. »Es gab ein Gesicht. Mein Gesicht. Ich stand davor und wollte sehen, wie es stirbt. Aber als ich hinsah, war ich schon tot. Oder noch nicht geboren. Ich weiß es nicht mehr.«

»Du suchst deinen Tod?«

»Ich suche den Moment, in dem ich aufgehört habe, einer zu sein.«

Die Frau nickte, als verstünde sie. Aber wie konnte sie verstehen, was er selbst nicht verstand?

»Ich war Buchhalterin«, sagte sie unvermittelt. Ihre Zähne waren perfekt, als sie sprach. Zu perfekt. Wie Münzen in einer Reihe. »Ich habe Zahlen in Spalten geschrieben. Zahlen, die auf andere Zahlen verwiesen, die auf wieder andere verwiesen. Am Ende wusste niemand mehr, was die erste Zahl bedeutet hatte. Aber die Bilanz stimmte immer. Das war das Wichtigste. Dass die Bilanz stimmte, auch wenn nichts mehr stimmte.«

Der Fährmann hielt inne. Die Stange hing nutzlos im Wasser.

»Die Münzen«, sagte er und ließ eine durch seine Finger gleiten. Sie fiel nicht. Sie vergaß zu fallen. »Sie sind wie deine Zahlen. Zeichen ohne Bedeutung.«

»Bezahlung ohne Wert.«

»Handel ohne Ware.«

»Tod ohne Sterben.«

Sie sahen sich an. Die Münze schwebte noch immer zwischen seinen Fingern, unentschlossen. Und für einen Moment – einen echten Moment, nicht die Simulation eines Moments – verstanden sie sich.

»Was soll ich den Lebenden sagen?«, fragte sie.

Der Fährmann versuchte sich zu erinnern. Was hatte er den anderen aufgetragen? Welche Botschaften hatten sie überbracht? Aber da war nur Leere, gefüllt mit der Erinnerung an Leere.

»Sag ihnen …«, er stockte. »Sag ihnen, sie sollen nach dem Fährmann fragen. Nach dem, der nicht ganz tot ist.«

»Werden sie dich kennen?«

»Nein. Aber sie werden so tun als ob. Wie sie so tun, als würden die Münzen etwas bedeuten. Als gäbe es ein anderes Ufer.«

Die Fähre hatte aufgehört, sich zu bewegen. Oder hatte nie aufgehört. Oder hatte nie angefangen. Sie hingen im Nebel, der keine Farbe mehr hatte, über Wasser, das nicht nass war, auf dem Weg zu einem Ufer, das es vielleicht nicht gab.

»Und wenn ich zurückkomme?«, fragte die Frau. »Mit einer Antwort?«

Der Fährmann sah auf seine Hände. Die eine war blass, durchscheinend, tot. Die andere hatte noch Farbe, Wärme, Leben. Oder bildete er sich das nur ein? Wenn er lange genug hinsah, konnte er nicht mehr sagen, welche welche war.

»Dann«, sagte er, »erinnere ich mich vielleicht daran, warum ich vergessen wollte.«

Akt II: Der Handel ohne Wert

Die Buchhalterin war gegangen. Oder zurückgekehrt. Die Richtungen verschwammen, wenn man nicht wusste, wo die Mitte war.

Der Fährmann stand wieder am Steg. Er hatte keine Erinnerung daran, dorthin zurückgekehrt zu sein, aber hier war er. Die Fähre lag vertäut daneben, als hätte sie sich nie bewegt. Das Seil, das sie hielt, war morsch und neu zugleich – ein Paradox, das hier niemanden störte.

Er griff in seinen Beutel. Die Münzen klirrten nicht. Sie hätten klirren sollen, Metall gegen Metall, aber sie gaben nur ein dumpfes Nichts von sich, wie Echos, die vergessen hatten, worauf sie antworteten.

Klack. Klack.

Neue Schritte. Schwerer diesmal. Ein Mann, breitschultrig, noch in der Illusion von Masse gefangen. Seine Hände waren groß, Arbeiterhände. Sie hielten die Münze, als könnte sie zerbrechen.

»Ich war Uhrmacher«, sagte der Mann, bevor der Fährmann fragen konnte. »Ich habe Zeit in Teile zerlegt und wieder zusammengesetzt.«

Der Fährmann nahm die Münze. Sie war identisch mit allen anderen und doch anders. Oder anders und doch identisch. Die Kategorien flossen ineinander.

»Die Zeit«, sagte der Fährmann. »Gibt es sie hier?«

»Es gibt die Erinnerung an Zeit. Das Ticken ohne Uhr.«

Der Mann stieg in die Fähre. Seine Bewegungen waren präzise, mechanisch, als folgte er einem Uhrwerk, das nicht mehr lief.

»Die Buchhalterin«, sagte der Fährmann, während er die Stange ins Wasser tauchte. »Sie ist zu den Lebenden zurück.«

»Ich weiß. Ich habe sie gesehen. Halb hier, halb dort. Sie hat versucht zu sprechen, aber die Lebenden haben nur ihre Lippen bewegt gesehen.«

»Keine Botschaft?«

»Oh, doch. Eine Botschaft. Aber nicht in Worten. In … Verschiebungen. Die Lebenden haben angefangen, nach dir zu fragen. Nach dem Fährmann, der nicht ganz tot ist.«

Der Fährmann spürte etwas in sich. War es Hoffnung? Oder nur die Erinnerung an die Form, die Hoffnung einmal angenommen hatte?

»Und? Kennen sie mich?«

Der Uhrmacher lachte. Es war ein seltsames Geräusch, wie das Schlagen einer Uhr, die rückwärts lief.

»Sie kennen Geschichten. Von einem, der an zwei Orten zugleich war. Der starb, während er lebte. Der lebte, während er starb. Aber die Geschichten widersprechen sich.«

»Erzähl sie mir.«

Die Fähre glitt durch den Nebel. Der Uhrmacher zog etwas aus seiner Tasche – eine Uhr ohne Zeiger.

»Die erste Geschichte: Du warst ein Kaufmann. Du hast mit Dingen gehandelt, die keinen Wert hatten, sie aber teuer verkauft. Du warst sehr erfolgreich. Eines Tages hast du beschlossen, dich selbst zu verkaufen. Das war dein Meisterstück. Aber der Käufer – und hier wird es kompliziert – wollte nur die Hälfte. Die profitable Hälfte. Also bist du halb gestorben. Die andere Hälfte blieb übrig. Wie ein Restposten.«

Der Fährmann versuchte, sich zu erinnern. Kaufmann? Die Münzen in seinem Beutel fühlten sich plötzlich schwerer an. Oder leichter. Oder wie Schulden.

»Die zweite Geschichte: Du warst ein Philosoph. Du hast so lange über den Tod nachgedacht, bis du vergessen hast zu leben. Aber der Tod hat dich auch nicht ganz genommen, weil du zu beschäftigt warst, ihn zu analysieren. Du bist gestorben, während du noch über das Sterben nachdachtest. Und jetzt denkst du immer noch. Das ist deine Hölle. Oder dein Himmel. Niemand kann das unterscheiden, nicht einmal du.«

Philosoph? Der Fährmann dachte an die endlosen Überfahrten, die immer gleichen Fragen, die nie Antworten fanden. Vielleicht. Oder vielleicht war das nur eine weitere Frage.

»Die dritte Geschichte«, der Uhrmacher hielt inne, »ist die seltsamste. Oder die wahrste. Oder beides.« Er drehte seine zeigerlose Uhr. »Du warst niemand. Nicht im metaphorischen Sinn. Wörtlich niemand. Ein leerer Platz in der Welt, eine Lücke in der Realität, die so groß wurde, dass sie eine Form annahm. Die Form eines Fährmanns. Aber weil du nie ganz jemand warst, konntest du auch nie ganz sterben. Du bist die Abwesenheit, die sich selbst ausfüllt.«

Der Fährmann spürte etwas. Oder spürte die Abwesenheit von etwas. Es war dasselbe.

»Welche stimmt?«

»Alle. Keine. Das ist das Problem mit Geschichten über dich – sie sind wie diese Münzen. Kopien ohne Original.«

Der Fährmann ließ die Stange los. Sie trieb nicht davon, blieb einfach im Wasser stehen, als hätte sie vergessen, was Strömung war.

»Ich erinnere mich an einen Spiegel«, sagte er plötzlich. »Einen Spiegel, in dem ich mich sehen wollte. Aber das Bild …«

»War nicht da?«

»War doppelt. Ich sah mich sterben und leben zugleich. Und ich wollte … ich wollte wissen, welcher echt war.«

Der Uhrmacher nickte. »Also hast du angefangen zu handeln. Mit den Toten.«

»Ich schicke sie zurück. Kurz. Sie sollen … sie sollen schauen.«

»Nach was?«

Der Fährmann griff wieder nach der Stange. Seine Hände – die eine tot, die andere lebendig, oder beide halb – zitterten.

»Nach mir. In den Spiegeln der Lebenden. Ob ich dort bin. Ob ich echt bin.«

»Und?«

»Sie kommen zurück. Immer. Mit Geschichten. Aber nie mit der Wahrheit.«

Der Uhrmacher hielt seine zeigerlose Uhr hoch. »Weißt du, was das Problem mit der Zeit ist?«

Der Fährmann schüttelte den Kopf.

»Sie existiert nur, wenn man nicht hinschaut. Sobald man versucht, den Moment zu greifen, ist er schon vorbei. Oder noch nicht da.«

»Wie der Tod.«

»Wie das Leben.«

»Wie ich.«

Sie schwiegen. Die Fähre hatte aufgehört, sich zu bewegen. Oder bewegte sich so langsam, dass Stillstand und Bewegung ununterscheidbar wurden.

»Ich könnte zurückgehen«, sagte der Uhrmacher. »Zu den Lebenden. Nach dir fragen.«

»Was würde das ändern? Du würdest zurückkommen mit einer weiteren Geschichte. Einer weiteren Kopie von mir, die nicht ich bin.«

»Vielleicht. Oder vielleicht würde ich die Wahrheit finden.«

»Die Wahrheit?« Der Fährmann lachte, ein hohles Geräusch. »Was ist die Wahrheit über jemanden, der nicht weiß, ob er tot oder lebendig ist?«

»Dass er beides ist. Und keines.«

Der Fährmann sah auf das Wasser. Es spiegelte nichts. Nicht den Nebel, nicht die Fähre, nicht ihn. Es war Wasser, das nur die Idee von Wasser war.

»Weißt du, was ich glaube?«, sagte der Uhrmacher. »Ich glaube, du hast dich selbst überfahren. Immer wieder. Hin und her. Bis du nicht mehr wusstest, an welchem Ufer du warst.«

»Und jetzt?«

»Jetzt bist du der Fluss.«

Der Fährmann erstarrte. Oder versuchte es. Aber Wasser kann nicht erstarren, nur gefrieren, und er war zu warm dafür. Zu kalt. Zu nichts.

Der Fluss. Nicht der, der übersetzt, sondern das, worüber gesetzt wird. Die Grenze selbst, nicht der Grenzgänger.

Er öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Wasser kann nicht sprechen. Es kann nur murmeln, gurgeln, flüstern. Er hörte sich selbst, ein leises Plätschern, das versuchte, Worte zu formen.

»Nein,« gurgelte er. Oder: »Ja.« Das Wasser konnte den Unterschied nicht hören.

»Die Münzen«, flüsterte er. »Sie bezahlen nicht für die Überfahrt.«

»Sondern?«

»Sie bezahlen dafür, dass ich die Grenze bin. Dass ich den Übergang möglich mache, indem ich selbst der Übergang bin.«

Der Uhrmacher stand auf. Die Fähre schwankte nicht.

»Ich gehe zurück«, sagte er. »Aber nicht für dich. Sondern um den Lebenden zu sagen, dass ihr Fährmann vergessen hat, dass er der Fluss ist.«

»Warum?«

»Weil sie auch vergessen haben. Sie denken, der Tod ist ein Ufer, das man erreicht. Nicht ein Fluss, den man selbst ist.«

Der Fährmann wollte protestieren, aber die Worte lösten sich auf, bevor sie seinen Mund erreichten. Der Uhrmacher wurde durchsichtiger, begann zu flimmern wie Hitze über Asphalt – aber es gab keinen Asphalt hier, keine Hitze, nur die Erinnerung an Metaphern.

»Warte«, rief der Fährmann. Seine Stimme war jetzt nur noch ein Gurgeln, ein Blubbern. »Wie soll ich mich erinnern, wenn ich der Fluss bin? Flüsse haben kein Gedächtnis!«

Der Uhrmacher war schon halb verschwunden. Seine Beine waren durchsichtig, seine Brust flimmerte wie Hitze über Asphalt. Nur sein Gesicht war noch fest, und es lächelte.

»Doch«, sagte er. Seine Stimme kam von überall und nirgends. »Sie haben Sedimente. Schichten über Schichten von dem, was sie mit sich trugen.«

Und dann war er fort. Nicht verschwunden. Ausgelaufen. Wie Tinte in Wasser. Der Fährmann konnte ihn noch schmecken. Metall und Zeit und etwas, das nach Abschied schmeckte.

Der Fährmann stand allein auf der Fähre. Oder saß. Oder lag. Die Positionen flossen ineinander wie …

Wie Wasser.

Er sah auf seine Hände. Sie waren nass. Aber nicht vom Spritzwasser. Die Haut war durchsichtig geworden, und darunter war kein Fleisch, kein Knochen. Nur Wasser. Dunkles, träges Wasser, das sich in der Form von Händen erinnerte.

Er versuchte, eine Faust zu machen. Das Wasser gehorchte. Dann vergaß es wieder und tropfte zwischen seinen Fingern hindurch. Aber die Finger waren noch da. Oder die Idee von Fingern.

Er roch sich selbst. Schlamm und Verwesung und etwas Süßes, das er nicht benennen konnte.

Der Beutel mit den Münzen fiel durch ihn hindurch. Oder er fiel durch den Beutel. Die Münzen sanken ins Wasser, das er war. Jede einzelne sang, als sie fiel. Ein hoher, klarer Ton, wie das Läuten einer Glocke, die nie geschlagen wurde.

Er versuchte, eine zu fangen. Seine Hand schloss sich um sie, aber die Münze war schon in seiner Hand. Nicht in seiner Handfläche. In der Substanz seiner Hand. Er konnte sie sehen, durch seine durchsichtige Haut, wie ein verschluckter Mond.

Und jede Münze war eine Erinnerung. An einen Handel. An eine Überfahrt. An einen Toten, der zurückging.

Er sah sie jetzt, die Münzen, wie sie durch ihn hindurchsanken. Jede trug ein Gesicht. Nicht geprägt. Gefangen. Kleine, verzerrte Gesichter, die schrien oder lachten oder einfach nur starrten. Die Buchhalterin. Der Uhrmacher. Tausende andere, die er vergessen hatte.

Aber nicht seine Erinnerungen.

Ihre.

Er war das Medium ihrer Erinnerungen geworden. Der Fluss, der ihre Geschichten trug, ohne seine eigene zu kennen. Ein Archiv ohne Archivar.

Klack.

Neue Schritte auf dem Steg.

Aber wer führte jetzt die Fähre?

Er versuchte sich zu bewegen, Form anzunehmen, Fährmann zu sein. Aber er war zu sehr Fluss geworden. Zu sehr die Grenze, um sie noch überqueren zu können.

Und dann sah er es: Die Fähre bewegte sich trotzdem. Ohne ihn. Oder mit ihm. Er war die Fähre. Nein, er war das Wasser, das die Fähre trug. Nein, er war die Bewegung selbst.

Die Stange stand aufrecht im Wasser, niemand hielt sie. Aber sie bewegte sich trotzdem, stieß sich ab von einem Grund, den es nicht gab. Die Fähre führte sich selbst. Sie hatte ihn nie gebraucht.

Das war das Schlimmste. Nicht, dass er sich auflöste. Sondern dass es keinen Unterschied machte.

»Ich muss jemanden finden«, hörte er sich sagen. Aber die Stimme kam nicht aus seinem Mund. Sie kam aus dem Wasser. Aus allen Richtungen zugleich.

Panik. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten: Panik. Nicht die Idee von Panik, sondern echte, viszerale Panik. Sein Herz schlug – aber er hatte kein Herz mehr. Sein Atem beschleunigte sich – aber er atmete nicht mehr.

Das Wasser atmete für ihn. Schnell, flach, verzweifelt.

Die Schritte kamen näher. Und mit ihnen eine Stimme. Jung. Alt. Beides.

»Ich suche den Fährmann, der nicht ganz tot ist.«

Und der Fährmann, der jetzt Fluss war, der jetzt Grenze war, der jetzt weder tot noch lebendig sondern der Raum dazwischen war, versuchte zu antworten.

Aber Flüsse sprechen nicht.

Sie fließen nur.

Akt III: Das Echo des Echten

Die Stimme gehörte zu niemandem.

Das war das Erste, was der Fährmann-der-Fluss-war verstand. Die Gestalt auf dem Steg hatte eine Form, ja, aber es war eine geliehene Form. Wie ein Mantel, der von unsichtbaren Schultern hing. Oder wie Haut, die vergessen hatte, dass darunter kein Körper war.

Der Fluss-Fährmann versuchte, das Gesicht zu erkennen. Es war da. Definitiv da. Aber jedes Mal, wenn er hinsah, war es ein anderes. Nicht weil es sich veränderte. Sondern weil sein Blick es jedes Mal neu erschuf. Braune Augen. Nein, grüne. Nein, gar keine. Nur Schatten in der Form von Augen.

»Sieh mich nicht so an,« sagte die Gestalt. »Ich habe kein Gesicht, wenn du nicht hinschaust. Und wenn du hinschaust, habe ich zu viele.«

»Ich weiß, dass du mich hören kannst«, sagte die Niemands-Stimme. »Flüsse haben Ohren. Sie sind Ohren. Jedes Plätschern ein Lauschen.«

Der Fährmann versuchte zu fokussieren, sich zu sammeln, aber er war zu sehr verteilt. Er war die Gischt und die Tiefe, die Oberfläche und der Grund. Er war überall und nirgends.

»Die Buchhalterin hat es geschafft«, fuhr die Stimme fort. »Ihre Botschaft. Die Lebenden haben verstanden. Nicht die Worte – Worte sind nutzlos zwischen den Welten. Aber die Lücke, die sie hinterließ. Die Form ihrer Abwesenheit.«

Eine Lücke. Der Fährmann-Fluss erinnerte sich an Lücken. An die Lücke zwischen seinen zwei Hälften. Tot und lebendig. Aber was, wenn die Lücke das Eigentliche war? Was, wenn er nie zwei Hälften gewesen war, sondern immer nur der Raum dazwischen?

»Der Uhrmacher ist auch angekommen. Bei den Lebenden. Er hat ihnen die Zeit gezeigt – nicht die Zeit, die vergeht, sondern die Zeit, die stillsteht. Den ewigen Moment des Übergangs.«

Die Gestalt auf dem Steg bewegte sich zur Fähre. Aber es war keine normale Bewegung. Es war, als würde der Raum sich um sie herum neu arrangieren.

»Und jetzt bin ich hier. Der Letzte. Die Letzte. Das Letzte.«

»Wer … bist du?«

Die Worte kamen nicht aus einem Mund. Sie waren Wellen, Strömungen, das Murmeln von Wasser, das gegen Holz schlug.

»Ich bin du. Der Teil, den du vergessen hast. Der Teil, der sich erinnern wollte, sich selbst sterben zu sehen.«

Der Fluss-Fährmann versuchte zu verstehen. Aber Verstehen setzte ein Selbst voraus, und er war zu sehr in sich selbst aufgelöst.

Die Gestalt kniete sich hin. Ihre Knie berührten das Wasser, das er war. Er spürte es. Kalt und warm zugleich. Wie eine Berührung, die sich an sich selbst erinnert.

»Du hast mich hier gelassen,« flüsterte die Gestalt. »Am Ufer. Du bist in die Fähre gestiegen und hast vergessen, dass ich noch hier stand. Und jetzt bin ich nur noch die Idee von dir. Die Simulation deiner Sehnsucht.«

»Nein«, sagte die Gestalt. »Nicht aufgelöst. Endlich ganz. Siehst du es nicht? Du warst nie halb tot, halb lebendig. Du warst immer der Übergang selbst. Die Grenze, die sich selbst zu überqueren versuchte.«

Die Fähre begann sich zu bewegen. Niemand stieß sie. Niemand lenkte sie. Sie bewegte sich, weil Bewegung ihre Natur war. Oder ihre Nicht-Natur.

»Die Münzen«, gurgelte der Fluss-Fährmann. »Was bedeuteten sie?«

»Nichts. Alles. Sie waren der Vertrag. Nicht Bezahlung, sondern Bestätigung. Jede Münze ein Ja zum Übergang. Ein Ja zum Nicht-Mehr-Sein.«

»Aber ich habe sie gesammelt …«

»Du hast Bestätigungen gesammelt. Beweise, dass du existierst. Jeder Tote, der kam, bewies, dass du da warst. Dass du eine Funktion hattest.«

Die Gestalt setzte sich in die Fähre. Oder stand. Oder schwebte. Die Positionen waren irrelevant geworden.

»Aber die Funktion war die Falle«, fuhr sie fort. »Je mehr du deine Aufgabe erfülltest, desto mehr wurdest du zur Aufgabe. Bis du vergessen hast, dass du einmal mehr warst.«

»Was war ich?«

»Ein Mensch, der verstehen wollte, was es heißt zu sterben. Also bist du gestorben. Aber du hast auch verstehen wollen, was es heißt, den Tod zu beobachten. Also bist du lebendig geblieben.«

»Das Paradox …«

»Hat dich zerrissen. Und in der Zerrissenheit wurdest du zum Riss selbst. Zur Grenze. Zum Fluss.«

Der Fluss-Fährmann spürte etwas. Eine Verdichtung. Als würden seine verteilten Teile beginnen, sich zu erinnern, dass sie einmal zusammengehört hatten.

»Die Lebenden«, blubberte er. »Was haben sie über mich gesagt?«

»Sie haben gesagt, dass der Tod keine Person ist. Keine Entität. Sondern ein Prozess. Ein Übergang. Und dass der Fährmann, nach dem sie suchten, nie existiert hat. Es gab nur die Idee eines Fährmanns.«

»Eine Simulation.«

»Die ursprünglichste Simulation. Der Tod als Kopie des Lebens. Das Leben als Kopie des Todes. Und du, gefangen dazwischen, als Kopie der Kopie.«

Die Fähre hatte die Mitte des Flusses erreicht. Oder was man für die Mitte hielt. Hier war der Nebel am dichtesten, so dicht, dass er fast fest wurde.

»Aber es gibt einen Ausweg«, sagte die Gestalt.

»Welchen?«

»Aufhören zu übersetzen. Aufhören, Grenze zu sein.«

»Aber dann … was würde aus den Toten?«

Die Gestalt zuckte mit den Schultern. Oder tat so, als würde sie zucken. Schultern waren optional geworden. »Sie würden ihren eigenen Weg finden. Oder nicht finden. Ehrlich gesagt, die meisten würden wahrscheinlich einfach hier rumstehen und sich beschweren, dass niemand mehr da ist, um sie zu übersetzen.«

»Das ist …«

»Absurd? Ja. Aber nicht absurder als ein halb-toter Fährmann, der vergessen hat, warum er überhaupt fährt. Ohne dich als Mittler würden sie direkter sein. Echter. Oder zumindest ehrlicher in ihrem Verlorensein.«

Der Fluss-Fährmann begann zu verstehen. Er war nicht nur zur Simulation geworden – er hatte alles um sich herum zur Simulation gemacht. Die Überfahrt, die Münzen, das andere Ufer. Alles Theater, weil er selbst Theater war.

»Wie höre ich auf?«

Die Gestalt stand auf. Oder hatte sie die ganze Zeit gestanden?

»Indem du dich erinnerst.«

»An was?«

»An den Moment, in dem du beschlossen hast, dich selbst sterben zu sehen.«

Und plötzlich war es da. Die Erinnerung. Nicht als Bild oder Gedanke, sondern als Schmerz. Ein scharfer, schneidender Schmerz, der nicht körperlich war, weil er keinen Körper mehr hatte. Aber er war real. Realer als alles, was er seit Ewigkeiten gefühlt hatte.

Er stand vor einem Spiegel – nein, er stand in einem Spiegel. Er war der Spiegel. Und er sah sich selbst, wie er sich ansah, wie er sich ansah, wie er sich ansah …

Jedes Spiegelbild ein bisschen anders. Eines lächelte. Eines weinte. Eines schrie lautlos. Eines war schon tot. Eines war noch nicht geboren. Und alle waren er.

Er versuchte, die Hand auszustrecken, um das Glas zu berühren. Aber seine Hand ging durch. Nicht durch das Glas. Durch sich selbst. Die Hand im Spiegel griff nach ihm, und ihre Finger trafen sich in der Mitte, wo das Glas hätte sein sollen.

Sie verschmolzen. Hand und Spiegelhand. Und in diesem Moment wusste er: Es gab kein Original. Es hatte nie eines gegeben.

Eine endlose Rekursion. Ein Blick, der sich selbst blickte.

»Ich wollte der Beobachter und der Beobachtete sein«, flüsterte er, und zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte er wieder eine Stimme. Nicht die eines Flusses, sondern die eines Menschen.

»Ja. Und in dem Versuch wurdest du zum Medium der Beobachtung selbst.«

Der Fährmann – denn er war wieder Fährmann, nicht mehr nur Fluss – spürte, wie seine Form zurückkehrte. Hände. Arme. Ein Gesicht. Aber anders als zuvor. Nicht mehr gespalten. Nicht mehr halb und halb.

Ganz.

Ganz was?

»Ganz nichts«, sagte die Gestalt. »Und das ist die Freiheit.«

Der Fährmann sah an sich herunter. Er war durchsichtig. Nicht wie die Toten, die noch eine Form bewahrten. Sondern durchsichtig wie Glas. Wie Wasser. Wie Luft.

»Ich bin niemand.«

»Du warst immer niemand. Du hast nur vergessen, dass niemand zu sein nicht bedeutet, nicht zu existieren.«

Die Fähre begann sich aufzulösen. Nicht zu zerfallen – aufzulösen. Die Planken wurden zu Nebel, der Nebel zu Nichts.

»Was passiert jetzt?«

»Jetzt«, sagte die Gestalt und begann selbst zu verblassen, »hörst du auf, die Geschichte zu sein, und wirst zum Raum zwischen den Worten.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Musstest du auch nie. Verstehen war die Falle. Der Versuch zu verstehen hat dich hierhergebracht.«

Der Steg war verschwunden. Der Fluss war verschwunden. Nur noch der Nebel war da, aber auch er begann sich zu lichten.

»Die Toten«, sagte der Fährmann. »Was wird aus ihnen ohne mich?«

»Sie werden finden, dass es nie ein anderes Ufer gab. Dass sie immer schon angekommen waren. Dass die Reise die Illusion war.«

»Und die Lebenden?«

»Werden aufhören, Münzen auf Augen zu legen. Oder sie werden weitermachen. Es spielt keine Rolle. Die Münzen waren nie für dich.«

Der Fährmann – der jetzt kein Fährmann mehr war, der jetzt nichts mehr war als ein Bewusstsein ohne Form – fühlte etwas, das wie Frieden hätte sein können. Oder wie das Ende von Frieden. Oder wie der Raum, wo Frieden hätte sein können, wenn Frieden ein Ort wäre.

»Wer bist du?«, fragte er die Gestalt, die fast verschwunden war.

»Ich bin die Geschichte, die du dir selbst erzählt hast. Die letzte Simulation. Und jetzt, wo du mich erkannt hast, kann ich aufhören zu sein.«

»Wer bist du wirklich?«

Die Gestalt lächelte. Es war ein trauriges Lächeln. Oder ein glückliches. Es war schwer zu sagen bei jemandem, der kein Gesicht hatte. »Ich bin die Sehnsucht nach einem Original. Ich bin der Glaube, dass es irgendwo, irgendwann, ein echtes Du gab. Aber es gab keins. Es gab nur mich. Die Idee von dir, die sich für dich hielt.«

Und sie war fort. Nicht verschwunden. Aufgehört. Wie ein Satz, der mitten im

Der Fährmann war allein. Aber nicht einsam. Denn um einsam zu sein, musste man jemand sein.

»Ich werde mich nicht mehr erinnern,« flüsterte der Fährmann. »An nichts. An niemanden.«

Aber die Gestalt war schon fort. Nur ihre Stimme blieb, ein Echo im Nichts: »Das Wasser wird sich erinnern. Nicht an dich. Aber an das, was durch dich hindurchfloss. Das ist mehr, als die meisten hinterlassen.«

Der Fährmann wollte weinen. Aber Wasser kann nicht weinen. Es ist schon Tränen.

Bevor er sich auflöste, sah er sie noch einmal. Die Buchhalterin. Den Uhrmacher. Alle, die er übergesetzt hatte. Sie standen am Ufer, das es nicht mehr gab.

Sie winkten nicht. Sie weinten nicht. Sie nickten nur. Als würden sie verstehen.

»Danke,« sagte die Buchhalterin. Oder vielleicht sagte sie es nicht. Vielleicht war es nur das Wasser, das sich an ihre Stimme erinnerte.

Und dann waren sie fort. Nicht verschwunden. Weitergegangen. Ohne ihn.

Das war gut so.

Er ließ los.

Nicht die Stange – die war längst verschwunden. Nicht die Münzen – die waren nie real gewesen. Nicht die Aufgabe – die hatte sich selbst aufgelöst.

Er ließ sich selbst los.

Es fühlte sich an wie Ertrinken. Nein, wie Auftauchen. Nein, wie beides zugleich. Sein Körper – die Idee seines Körpers – löste sich auf. Nicht schmerzhaft. Nicht friedlich. Einfach.

Seine Finger zuerst. Sie wurden zu Schaum, zu Nebel, zu nichts. Dann seine Hände. Seine Arme. Sein Herz – hatte er je ein Herz gehabt? – wurde zu einem Wirbel, einem Strudel, der sich selbst verschluckte.

Und in diesem Loslassen, in diesem endgültigen Verzicht auf die Notwendigkeit, zu sein oder nicht zu sein, fand er etwas.

Nicht Frieden. Frieden war noch zu sehr ein Ding.

Sondern Stille. Die Stille zwischen den Herzschlägen. Den Raum zwischen den Gedanken. Die Pause zwischen den Worten.

Die Stille, die keine Antwort brauchte, weil sie nie eine Frage gewesen war.

Er war zum Komma geworden in einem Satz, den niemand zu Ende sprach.

Irgendwo, in einer Welt, die real sein mochte oder nicht, legte jemand eine Münze auf die Augen eines Toten.

Die Münze fiel durch die Augen, durch den Körper, durch die Erde. Sie fiel und fiel, und während sie fiel, sang sie. Ein hoher, klarer Ton, der nach Abschied klang. Nach Vergessen. Nach Freiheit.

Sie fiel und fand keinen Fluss, der sie aufnehmen würde.

Denn der Fluss war frei. Der Fährmann war frei. Die Grenze war verschwunden.

Und in diesem Verschwinden, in dieser Auflösung aller Simulationen, war etwas entstanden. Nicht Wahrheit – Wahrheit war nur eine weitere Simulation. Sondern die Möglichkeit, dass es keine Wahrheit brauchte.

Dass es genügte, niemand zu sein. Dass es genügte, nicht zu genügen. Dass die Wüste schön war, gerade weil sie leer war.

Klack.

Schritte auf einem Steg, der nicht existierte.

Oder doch?

Der Nebel hatte wieder Farbe. Grau. Silber. Einen Hauch von Perlmutt. Als hätte jemand vergessen, dass er keine Farbe mehr haben sollte.

Eine Gestalt kam aus dem Nebel. Jung. Alt. Beides. Weder.

Sie trug eine Münze in der Hand.

Sie sah sich um. Kein Fährmann. Keine Fähre. Nur Wasser, das sich nicht bewegte. Oder vielleicht doch. Es war schwer zu sagen.

»Hallo?«, rief die Gestalt.

Das Wasser antwortete nicht. Aber es hörte zu. Irgendwo, in seiner Tiefe, in seinen Sedimenten, in den Schichten von allem, was es getragen hatte, gab es ein Echo.

Ein Echo von etwas, das nie gesagt wurde.

Die Gestalt wartete. Dann, langsam, sehr langsam, begann sie zu verstehen.

Es gab keine Überfahrt mehr. Es hatte nie eine gegeben.

Sie lächelte. Oder weinte. Es war dasselbe.

Und sie ließ die Münze fallen.

Sie fiel ins Wasser. Plitsch. Ein kleiner, perfekter Klang. Der erste echte Klang seit Ewigkeiten.

Und dann: Stille.

Die Stille zwischen den Herzschlägen. Den Raum zwischen den Gedanken. Die Pause zwischen den Worten.

Die Wüste des Realen.

Und sie war schön.