Helix

Eine Geschichte.

I

Die Neonröhre flackerte. 3,4 Sekunden diesmal. Jonas hatte aufgehört, es zu messen, aber sein Gehirn zählte trotzdem. Immer. Stufen (73 bis zu seiner Wohnung), Atemzüge (durchschnittlich 16 pro Minute in Meetings), Tage seit Mias letztem Anruf (12).

Der Kaffee neben seiner Tastatur war kalt. Natürlich. Er konnte sich nicht erinnern, wann er ihn geholt hatte. Zehn Uhr? Elf? Die Zahlen auf seinem Bildschirm verschwammen zu einem Brei aus Wahrscheinlichkeiten. Sterblichkeitstabellen für Männer, 55-60, Nichtraucher, keine Vorerkrankungen. 94,7 % Wahrscheinlichkeit, das nächste Jahr zu überleben. 89,3 % für die nächsten fünf Jahre.

Jonas rieb sich die Augen. Sein Kopf dröhnte. Die Präsentation war morgen, und er hatte noch nicht einmal die Zusammenfassung geschrieben. Wieder eine Nacht ohne Schlaf. Wieder Kaffee zum Frühstück, Mittag- und Abendessen.

Die Armbanduhr an seinem Handgelenk zeigte 14:37. Wie immer. Sie hatte vor achtzehn Jahren aufgehört zu ticken, in dem Moment, als sein Vater sie abgenommen und ihm gegeben hatte. »Pass auf sie auf«, hatte er gesagt. Drei Stunden später war er tot gewesen. Herzinfarkt, 52 Jahre alt, Raucher, Vorerkrankungen. Die Statistiken hatten es vorhergesagt.

Jonas trug die Uhr trotzdem. Oder gerade deswegen.

Das Flackern wurde intensiver. Nicht nur die Neonröhre jetzt – sein ganzes Sichtfeld pulsierte. Migräne? Er hatte seit vierzig Stunden nicht geschlafen. Vielleicht sollte er nach Hause gehen. Aber die Präsentation …

Er lehnte sich zurück, schloss die Augen. Nur für einen Moment. Nur um die Kopfschmerzen zu lindern.

Das Flackern hörte nicht auf. Es wurde heller, intensiver, als würde jemand die Helligkeit der Realität hochdrehen. Jonas spürte etwas Seltsames – ein Ziehen, wie kurz vor dem Einschlafen, wenn der Körper sich fallen lässt. Aber er war wach. Oder?

Er dachte an Mia. An ihr Gesicht, als sie ihm gesagt hatte, dass sie nach London gehen würde. »Nur zwei Jahre«, hatte sie gesagt. »Komm mit.« Aber er hatte geschwiegen. Hatte Gründe gefunden. Die Arbeit. Die Wohnung. Die Unsicherheit.

Das Ziehen wurde stärker. Jonas schmeckte plötzlich Kupfer auf seiner Zunge, metallisch und fremd.

Dann: Stille.

Er öffnete die Augen. Sein Büro sah … anders aus. Nicht dramatisch anders. Nicht offensichtlich. Aber falsch. Der Kaffeebecher stand links von der Tastatur statt rechts. Die Zimmerpflanze auf der Fensterbank – die seit Monaten vertrocknende, traurige Sache – war grün. Nicht üppig, aber lebendig. Jemand hatte sie gegossen.

Jonas starrte sie an. Sein Herz begann schneller zu schlagen.

Auf seinem Schreibtisch, neben dem Bildschirm, stand ein Fotorahmen. Silber, klein, unauffällig. Jonas besaß keinen Fotorahmen. Er hatte alle weggeräumt, nachdem Mia gegangen war. Zu schmerzhaft.

Er griff danach mit zitternden Fingern. Das Foto zeigte ihn und Mia. Ihre Arme um seinen Hals geschlungen, beide lachend, Sonnenlicht in ihren Haaren. Im Hintergrund der Müggelsee. Er erinnerte sich an den Tag – vor drei Jahren, kurz bevor sie nach London hätte gehen sollen.

Hätte gehen sollen.

»Jonas?«

Er fuhr herum. Mia stand in der Tür seines Büros. Mia. Hier. In Berlin. Ihre Haare waren länger als in seiner Erinnerung, bis über die Schultern. Sie trug das grüne Kleid, das er mochte, und ihre Restauratorenbrille hing an einer Kette um ihren Hals.

»Kommst du?« Sie lächelte, aber es war ein müdes Lächeln. »Wir haben für acht Uhr reserviert. Du hast es versprochen, Jonas. Keine Überstunden heute.«

Jonas' Mund öffnete sich, aber keine Worte kamen heraus. Sein Gehirn versuchte verzweifelt, die Situation zu prozessieren. Mia war in London. Mia war seit neun Monaten in London. Sie telefonierten einmal die Woche, kurze, schmerzhafte Gespräche voller Pausen und Nicht-Gesagtem.

»Jonas?« Mias Lächeln verblasste. »Geht es dir gut? Du siehst blass aus.«

»Ich …« Seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren. »Ja. Entschuldigung. Ich war … in Gedanken.«

»Du bist immer in Gedanken.« Sie trat näher, legte eine Hand auf seine Stirn. Ihre Berührung war warm, real, unmöglich. »Du fühlst dich kalt an. Hast du heute überhaupt etwas gegessen?«

Jonas schüttelte den Kopf. Konnte nicht sprechen. Mias Parfüm – dieses spezifische, nach Bergamotte und etwas Holzigem – füllte seine Nase. Er hatte es seit Monaten nicht gerochen.

»Komm.« Sie nahm seine Hand. »Wir gehen essen, und dann gehst du nach Hause und schläfst. Du arbeitest zu viel.«

Jonas ließ sich von ihr hochziehen. Ihre Hand in seiner fühlte sich an wie eine Erinnerung, die Fleisch geworden war. Er stolperte leicht, und sie fing ihn auf.

»Vorsichtig.« Ihre Stimme war besorgt. »Wann hast du das letzte Mal geschlafen?«

»Ich weiß nicht.«

Sie seufzte. »Das dachte ich mir.«

Jonas folgte ihr zur Tür wie in Trance. Sein Büro – aber nicht sein Büro – glitt an ihm vorbei. Alles war subtil verschoben. Das Whiteboard an der Wand zeigte andere Notizen. Der Kalender zeigte … er blinzelte. Dasselbe Datum. 17. Oktober. Aber die Einträge waren anders.

Sie gingen den Flur entlang. Kollegen nickten ihm zu. »Schönen Abend, Jonas.« »Bis morgen.« Normale Dinge. Aber Jonas kannte diese Leute kaum. Er aß allein zu Mittag, arbeitete bis spät, sprach mit niemandem.

Hier schienen sie ihn zu kennen.

Die Neonröhren im Flur flackerten.

Jonas blieb stehen. Das Ziehen war wieder da, das Kupfer auf seiner Zunge. Das Gefühl des Fallens.

»Jonas?« Mias Stimme kam von weit weg.

Das Flackern wurde intensiver, schmerzhaft hell. Jonas schloss die Augen, und diesmal dachte er nicht an Mia. Er dachte an sein Büro. Sein echtes Büro. Die vertrocknende Pflanze. Der kalte Kaffee rechts von der Tastatur. Die Einsamkeit.

Der Geschmack von Kupfer wurde überwältigend.

Dann: Stille.

Er öffnete die Augen. Sein Büro. Die vertrocknende Pflanze. Der Kaffee rechts. Kein Fotorahmen.

Jonas taumelte, fing sich am Schreibtisch ab. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sicher war, die Kollegen im Nachbarbüro müssten es hören. Er sah auf seine Hände – sie zitterten.

Was zur Hölle war das gewesen?

Er griff nach seinem Kaffee. Rechts von der Tastatur. Längst abgestanden. Er trank, mechanisch, schmeckte nichts.

Seine Hände zitterten noch. Er legte sie flach auf den Schreibtisch, versuchte sie zu beruhigen.

Auf dem Bildschirm: die Sterblichkeitstabellen. Unverändert. Die Realität, stabil, messbar, rational. Aber der Geschmack von Kupfer war noch da.

Ein Tagtraum? Eine Halluzination? Er hatte schon oft von Mia geträumt, aber nie so … real. Nie so spezifisch. Das Parfüm. Die Wärme ihrer Hand. Das grüne Kleid.

Er setzte sich langsam hin, starrte auf den Bildschirm. Die Sterblichkeitstabellen waren noch da, unverändert. Die Uhr am Computer zeigte 18:47. Dieselbe Zeit wie … vorher? Oder war Zeit vergangen?

Jonas griff nach seinem Handy. Keine Nachrichten. Keine verpassten Anrufe. Nichts von Mia.

Er scrollte durch seine Kontakte, fand ihren Namen, starrte darauf. Sein Daumen schwebte über dem Anrufbutton.

Was würde er sagen? »Ich habe dich gerade gesehen, aber du warst nicht real«? »Ich glaube, ich habe eine Psychose«?

Er legte das Handy weg. Die Neonröhre über ihm flackerte. 3,7 Sekunden. Zurück zum normalen Rhythmus. Jonas atmete tief durch. Dann noch einmal. Sein Herzschlag verlangsamte sich allmählich.

Okay. Logisch denken. Hypothesen aufstellen.

**Hypothese 1:**
Halluzination durch Schlafmangel und Stress.
Wahrscheinlichkeit: Hoch.
Ich hatte seit vierzig Stunden nicht geschlafen.

**Hypothese 2:**
Kurzer Traum, während ich am Schreibtisch eingenickt war. 
Wahrscheinlichkeit: Mittel.
Aber es hatte sich nicht wie ein Traum angefühlt.

**Hypothese 3:** …

Er stockte. Was war Hypothese 3? Dass es real gewesen war? Dass er irgendwie … woanders gewesen war?

Unmöglich. Nicht wissenschaftlich. Nicht rational.

Aber der Geschmack von Kupfer war noch da, schwach, auf seiner Zunge.

Jonas öffnete ein neues Dokument auf seinem Computer. Begann zu tippen.

1. Oktober, 18:47 Uhr
Ereignis: Mögliche Halluzination/Traum
Dauer: Unbekannt (gefühlt 2-3 Minuten)
Auslöser: Neonröhrenflackern + Erschöpfung?

DETAILS:

- Büro verändert (Kaffee links, Pflanze lebendig, Foto)
- Mia anwesend (unmöglich – sie ist in London)
- Umgebung kohärent, nicht traumhaft
- Spezifische sensorische Details (Parfüm, Berührung, Temperatur)
- Rückkehr durch zweites Flackern

Zu testen: Reproduzierbarkeit?

Er starrte auf die Worte. Reproduzierbarkeit. Wissenschaftliche Methode. Wenn es einmal passiert war, konnte es wieder passieren. Und wenn es wieder passieren konnte, war es kein Zufall.

Jonas sah zur Neonröhre hoch. Sie flackerte gleichmäßig, mechanisch, bedeutungslos.

Er schloss die Augen. Versuchte, sich zu entspannen. Versuchte, das Gefühl des Fallens zu reproduzieren. Dachte an Mia, an das Foto, an das grüne Kleid.

Nichts.

Er versuchte es noch einmal. Konzentrierte sich auf den Punkt zwischen seinen Augenbrauen, wie bei der Meditation, die Mia ihm beigebracht hatte. Atmete tief. Ließ los.

Nichts.

Nach zwanzig Minuten gab er auf. Seine Kopfschmerzen waren schlimmer geworden. Er brauchte Schlaf. Echten Schlaf.

Jonas packte sein Notebook ein, schaltete den Bildschirm aus. Die Sterblichkeitstabellen würden bis morgen warten müssen.

Auf dem Weg nach draußen blieb er kurz stehen, sah zurück in sein Büro. Die vertrocknende Pflanze stand dunkel gegen das Fenster.

Er dachte an die andere Pflanze. Die grüne, lebendigere.

Dann machte er das Licht aus und ging nach Hause.

II

Jonas schlief nicht.

Er lag in seiner Wohnung im vierten Stock, starrte an die Decke und zählte die Risse im Putz. Siebenundzwanzig. Oder achtundzwanzig, je nachdem, ob man den kleinen Haarriss über dem Fenster mitzählte.

Um 3:47 Uhr gab er auf. Stand auf, ging zum Schreibtisch, klappte sein Notebook auf.

Das Dokument von gestern Abend war noch offen. Er las es noch einmal, dann noch einmal. Die Worte änderten sich nicht. Das Ereignis blieb real – oder zumindest real genug, um dokumentiert zu werden.

Jonas öffnete ein neues Dokument. Schrieb oben: PROTOKOLL.

Dann begann er zu tippen.

HYPOTHESE:

Das Ereignis vom 17.10. war keine Halluzination, sondern ein reproduzierbarer Zustand.
Arbeitstitel: „Der Sprung“

BEOBACHTETE VARIABLEN:

1. Neonröhrenflackern (möglicherweise Auslöser, nicht Ursache)
2. Extreme Erschöpfung (40+ Stunden ohne Schlaf)
3. Mentaler Zustand: Entspannung + intensive Visualisierung
4. Physische Sensation: Kupfergeschmack, Ziehen, Fallgefühl

TESTPLAN:

- Systematische Reproduktionsversuche
- Dokumentation aller Variablen
- Identifikation von Unterschieden zwischen Zustand A und B
- Arbeitsnamen: Helix-1 (Original), Helix-2 (Alternative)

ERSTE TESTSERIE: 18.10., 04:00 Uhr

Er lehnte sich zurück, starrte auf den Bildschirm. Das war verrückt. Er dokumentierte etwas, das nicht existieren konnte. Aber wenn er es nicht dokumentierte, wenn er es nicht testete, würde er nie wissen, ob es real war.

Und er musste es wissen.

Jonas stand auf, ging ins Badezimmer. Stellte sich vor den Spiegel. Sein Gesicht sah müde aus – dunkle Ringe unter den Augen, Stoppeln am Kinn, drei graue Haare an der rechten Schläfe. Er zählte sie. Immer noch drei.

Er holte ein Notizbuch aus dem Wohnzimmer, setzte sich auf den Badezimmerboden, begann zu schreiben.

HELIX-1 (ORIGINAL) – PHYSISCHE MARKER:

- Narbe über linker Augenbraue (Fahrradunfall, 12 Jahre)
- Drei graue Haare, rechte Schläfe
- Leberfleck, Hals links, 3 mm
- Kratzer am rechten Handrücken (von wann?)
- Armbanduhr: 14:37, stehengeblieben

Er machte ein Foto von sich mit dem Handy. Dann noch eins. Dokumentation.

Dann schloss er die Augen.

Konzentrierte sich auf den Punkt zwischen seinen Augenbrauen. Atmete langsam, tief. Versuchte, das Gefühl von gestern Abend zu reproduzieren. Das Loslassen. Das Fallen.

Dachte an Wasser. Kaltes Wasser. Fließend. Warum Wasser? Er wusste es nicht, aber das Bild hatte sich in seinem Kopf festgesetzt.

Nichts passierte.

Er versuchte es noch einmal. Fünf Minuten. Zehn Minuten.

Nichts.

Jonas öffnete die Augen, frustriert. Notierte:

TEST 1 – GESCHEITERT
Zeit: 04:23 Uhr
Dauer: 15 Minuten
Ergebnis: Kein Flackern. Nur Kopfschmerzen.

Er versuchte es noch einmal. Konzentrierte sich härter. Dachte an Mia. An das grüne Kleid. An ihre Hand in seiner.

Das Badezimmerlicht flackerte. Kurz. Kaum wahrnehmbar.

Jonas' Herz machte einen Sprung. Aber dann war es vorbei.

TEST 2 – GESCHEITERT
Zeit: 04:45 Uhr
Dauer: 20 Minuten
Ergebnis: Kurzes Flackern, aber kein Sprung.
Gefühl von Übelkeit.

Er stand auf, trank Wasser. Seine Hände zitterten. Vielleicht war es doch nur eine Halluzination gewesen. Vielleicht—

Nein. Er hatte es gespürt. Das Ziehen. Den Kupfergeschmack. Das war real gewesen.

Er setzte sich wieder hin. Versuchte es noch einmal.

TEST 3 – GESCHEITERT
Zeit: 05:15 Uhr
Dauer: 10 Minuten

Ergebnis: Nichts. Vielleicht war es doch eine Halluzination?

Jonas lehnte seinen Kopf gegen die Wand. Schloss die Augen. Nicht um zu springen. Nur um auszuruhen.

Er dachte an nichts. Ließ seinen Geist treiben. Dachte an Wasser. Kalt. Fließend. Nicht forciert. Nur … da.

Das Badezimmerlicht flackerte.

Der Geschmack von Kupfer explodierte auf seiner Zunge.

Das Ziehen kam, intensiv, fast schmerzhaft. Jonas spürte, wie sein Körper sich verkrampfte, dann entspannte. Das Gefühl des Fallens, aber ohne Bewegung.

Drei Sekunden. Oder drei Stunden. Zeit hatte keine Bedeutung.

Dann: Stille.

Er öffnete die Augen. Das Badezimmer sah … gleich aus. Fast. Die Zahnbürste stand in einem anderen Becher. Das Handtuch war blau statt grau. Und im Spiegel—

Jonas sah in den Spiegel.

Keine grauen Haare.

Seine Hand schoss zu seiner Schläfe, fuhr durch sein Haar. Dunkelbraun. Vollständig. Die drei grauen Haare waren weg.

»Heilige Scheiße«, flüsterte er.

Er stand auf, trat näher an den Spiegel. Alles andere war identisch. Die Narbe über der Augenbraue. Der Leberfleck am Hals. Der Kratzer am Handrücken. Aber die grauen Haare waren verschwunden.

Jonas griff nach seinem Notizbuch, begann hektisch zu schreiben.

TEST 4 – ERFOLG
Zeit: 05:38 Uhr
Sprung nach Helix-2 bestätigt

UNTERSCHIEDE:

- Keine grauen Haare
- Zahnbürste in anderem Becher (weiß statt grün)
- Handtuch blau statt grau
- Sonst: identisch

SCHLUSSFOLGERUNG:
Physische Veränderungen übertragen sich teilweise. Objekte bleiben ortsspezifisch.

WICHTIG: Sprung funktioniert nur bei mentalem Loslassen, nicht bei Forcierung.

Er hielt inne. Wenn er hier war, in Helix-2 … wo war der andere Jonas? Der Jonas, der hier lebte?

Eine beunruhigende Frage.

Jonas verließ das Badezimmer, ging ins Wohnzimmer. Es sah anders aus. Nicht dramatisch, aber spürbar. Die Umzugskartons, die seit zwei Jahren in der Ecke standen – ausgepackt. Die Bücher im Regal – sortiert. Die Gitarre seines Vaters stand nicht verstaubt in der Ecke, sondern prominent an der Wand, frisch poliert.

Er trat näher. Sie glänzte. Jemand hatte sie restauriert. Mia, wahrscheinlich. Das war ihre Arbeit – alte, kaputte Dinge wieder ganz machen.

Jonas strich mit den Fingern über die Saiten. Sie waren gestimmt. In Helix-1 waren sie seit Jahren nicht mehr gestimmt worden.

Auf dem Couchtisch lag ein Buch, aufgeschlagen. »Die Kunst der Achtsamkeit«. Nicht sein Buch. Er hatte es nie gelesen. Aber offenbar hatte Jonas-2 es.

Jonas setzte sich auf die Couch, nahm das Buch in die Hand. Auf der aufgeschlagenen Seite war ein Satz unterstrichen:

„Wir können nicht zwei Leben gleichzeitig leben. Wir können nur wählen, in welchem wir präsent sein wollen.“

Er lachte. Ein kurzes, bitteres Geräusch. Die Ironie war nicht zu übersehen.

Sein Handy vibrierte. Jonas zuckte zusammen, griff danach. Eine Nachricht von Mia.

»Bist du wach? Ich kann nicht schlafen.«

Jonas blickte auf die Worte. Mia schrieb ihm nie mitten in der Nacht. In Helix-1 schrieb sie überhaupt kaum noch.

Er scrollte hoch. Die letzte Nachricht war von vor drei Wochen. »Alles gut bei dir?«

Er hatte mit »Ja« geantwortet. Sie hatte nicht zurückgeschrieben.

Aber hier, in Helix-2, schrieb sie. Jetzt. Um 6 Uhr morgens.

Eine zweite Nachricht: »Denkst du noch über gestern nach?«

Gestern. Was war gestern passiert? In dieser Welt, in diesem Leben?

Jonas' Finger schwebten über der Tastatur. Was sollte er antworten? Er wusste nicht, worüber sie sprach.

Er tippte: »Ja. Können wir morgen darüber reden?«

Die Antwort kam sofort: »Okay. Ich liebe dich.«

Drei Worte. Einfache Worte. Aber sie trafen ihn wie ein Schlag.

Wann hatte Mia das das letzte Mal zu ihm gesagt? In Helix-1?

Jonas versuchte sich zu erinnern. Konnte nicht.

Monate. Vielleicht ein Jahr. Vielleicht länger.

Er starrte auf die Nachricht. Seine Hände verkrampften sich.

Er musste zurück. Jetzt. Das war nicht sein Leben. Das waren nicht seine Nachrichten. Das war nicht seine Mia.

Er schloss die Augen. Konzentrierte sich. Wasser. Kalt. Loslassen.

Der Kupfergeschmack kam schneller diesmal. Das Ziehen, das Fallen.

Drei Sekunden.

Er öffnete die Augen.

Graues Handtuch. Grüner Zahnbürstenbecher. Drei graue Haare in seinem Spiegelbild.

Jonas atmete aus. Helix-1. Sein echtes Leben.

Er ging zurück zum Notebook, begann zu tippen.

TEST 4 – VOLLSTÄNDIG ERFOLGREICH

ERKENNTNISSE:

1. Der Sprung ist reproduzierbar
2. Mentaler Zustand ist der Schlüssel (Loslassen, nicht Forcieren)
3. Physische Marker unterscheiden sich minimal
4. Objekte/Umgebung unterscheiden sich deutlich
5. Andere Menschen existieren in beiden Welten
6. Kommunikation ist möglich (Handy funktioniert)

FRAGEN:

- Wo ist Jonas-2, wenn ich in Helix-2 bin?
- Kann er auch springen?
- Was passiert mit der Zeit? (Synchron? Asynchron?)
- Gibt es Konsequenzen für längere Aufenthalte?

NÄCHSTE TESTS:

- Längerer Aufenthalt in Helix-2
- Interaktion mit anderen Menschen
- Bewusste Veränderungen vornehmen
- Überprüfen, ob Veränderungen persistent sind
- Nachricht an Jonas-2 hinterlassen

Jonas lehnte sich zurück. Draußen begann es hell zu werden. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, aber er fühlte sich hellwach.

Er hatte etwas entdeckt. Etwas Unmögliches. Etwas, das alle Gesetze der Physik brach.

Und er war der Einzige, der davon wusste.

Die Frage war: Was sollte er damit tun?

Die nächsten drei Tage verbrachte Jonas mit systematischen Tests.

**Test 5:**
Längerer Aufenthalt in Helix-2 (2 Stunden).
Ergebnis: Keine negativen Effekte. Rückkehr problemlos.

**Test 6:**
Objekt von Helix-2 nach Helix-1 mitnehmen (Kugelschreiber).
Ergebnis: Objekt bleibt in Helix-2. Keine Duplikation möglich.

**Test 7:**
Physische Veränderung in Helix-2 (Schnitt am Finger).
Ergebnis: Schnitt erscheint auch in Helix-1, aber schwächer. Übertragungsrate ca. 60 %.

**Test 8:**
Nachricht an sich selbst hinterlassen. Ergebnis: …

Jonas stand in Helix-2, in seiner Wohnung, mit einem Zettel in der Hand.

Er schrieb: „Ich weiß, dass du existierst. Wir müssen reden. – M1“

Er legte den Zettel auf den Küchentisch, gut sichtbar.

Dann sprang er zurück nach Helix-1. Ging zum Küchentisch. Der Zettel lag da. Aber er war nicht leer. Unter seiner Nachricht, in derselben Handschrift, stand:

„Ich weiß. Hör auf, in mein Leben einzudringen. – M2“

Jonas sah auf die Worte. Seine eigene Handschrift. Seine eigenen Worte. Aber nicht von ihm.

Es gab einen anderen Jonas. Und er konnte auch springen.

Das Spiel hatte gerade erst begonnen.

III

Jonas hatte ein System entwickelt.

Morgens in Helix-1: Duschen, Kaffee, zur Arbeit. Die Routine seines echten Lebens. Mittags, in der Pause, wenn er allein in seinem Büro saß: Sprung nach Helix-2. Nur für zwanzig Minuten. Nur um zu sehen.

Was er sah, war ein besseres Leben.

In Helix-2 grüßten ihn die Kollegen im Flur. Kannten seinen Namen. Fragten, wie sein Wochenende gewesen war. In Helix-1 gingen sie an ihm vorbei, als wäre er unsichtbar.

In Helix-2 war sein Schreibtisch aufgeräumt. Pflanzen auf der Fensterbank. Das Foto von Mia prominent platziert. In Helix-1 stapelten sich alte Kaffeebecher und ungelesene Memos.

In Helix-2 hatte er die Beförderung bekommen.

Jonas hatte das an seinem dritten Tag entdeckt, als er durch die Emails scrollte. Eine Nachricht von der Geschäftsführung, datiert auf vor sechs Monaten:

„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Position als Senior Analyst. Wir freuen uns auf Ihre Führung des Teams.“

Senior Analyst. Das war die Position, für die er sich in Helix-1 beworben hatte. Das Interview, bei dem er gestottert hatte, zu vorsichtig gewesen war, alle Antworten mit »vielleicht« und »möglicherweise« abgeschwächt hatte.

In Helix-2 hatte Jonas-2 offenbar nicht gestottert.

Die Kommunikation mit Jonas-2 war spärlich. Gelegentliche Zettel, kurze Nachrichten. Meist Warnungen.

„Bleib weg von meiner Mia.“

„Hör auf, meine Sachen anzufassen.“

„Das ist MEIN Leben.“

Jonas ignorierte sie zunächst. Technisch gesehen war es auch sein Leben. Eine Version davon. Eine bessere Version.

Die ersten drei Tage waren … befreiend.

Jonas ging zur Arbeit in Helix-2, aber er kümmerte sich nicht. Sagte in Meetings, was er wirklich dachte. Unterbrach Kollegen. Traf Entscheidungen ohne Absicherung.

»Das ist Schwachsinn«, sagte er zu einem Vorschlag. Die Kollegen starrten ihn an. Normalerweise sagte Jonas so etwas nicht. Normalerweise sagte M2 so etwas nicht.

Aber Jonas war nicht M2. Und das war nicht sein Leben. Also warum vorsichtig sein?

Am zweiten Tag kündigte er fast. Schrieb die Email, Finger auf »Senden«.

Dann dachte er an M2. An die Nachricht: »Versuch, mein Leben nicht komplett zu ruinieren.«

Er löschte die Email.

Okay. Nicht kündigen. Aber er musste auch nicht nett sein.

Am dritten Tag kam die Quittung. Das Team-Meeting war ein Albtraum.

Jonas saß am Kopf des Tisches – offenbar sein Platz als Senior Analyst – und versuchte, kompetent auszusehen. Um ihn herum saßen acht Leute, deren Namen er nicht kannte, die über Projekte sprachen, von denen er noch nie gehört hatte.

»Jonas?« Eine Frau – Anfang dreißig, rote Haare, Brille – sah ihn erwartungsvoll an. »Was denkst du?«

Das musste Anna sein. M2 hatte sie in einer Notiz erwähnt.

»Ich …« Jonas' Verstand raste. »Entschuldigung, kannst du das nochmal zusammenfassen? Ich war kurz abgelenkt.«

Anna runzelte die Stirn, aber wiederholte: »Die Risikomodelle für die neue Produktlinie. Wir haben die Daten, aber die Konfidenzintervalle sind zu breit. Sollen wir mehr Samples nehmen oder mit dem arbeiten, was wir haben?«

Risikomodelle. Konfidenzintervalle. Das war sein Gebiet. Oder zumindest das Gebiet von Jonas-1.

»Mehr Samples«, sagte er. »Breite Konfidenzintervalle bedeuten hohe Unsicherheit. Wir können keine Empfehlung mit hoher Unsicherheit abgeben. Das Risiko ist zu groß.«

Anna nickte. »Dachte ich mir auch. Aber das verzögert den Zeitplan.«

»Besser verzögert als falsch.«

Ein Mann am anderen Ende des Tisches – grauer Anzug, Glatze – lachte. »Seit wann bist du so vorsichtig, Jonas? Normalerweise drängst du auf schnelle Entscheidungen.«

Jonas erstarrte. Normalerweise. M2 drängte normalerweise.

»Ich … lerne aus meinen Fehlern«, sagte er.

Der Mann grinste. »Gut. Vorsicht ist nicht schlecht.«

Das Meeting zog sich über eine Stunde. Jonas nickte an den richtigen Stellen, stellte vage Fragen, ließ die anderen reden. Niemand schien zu merken, dass er keine Ahnung hatte, wovon sie sprachen.

Oder vielleicht merkten sie es, sagten aber nichts.

Zehn Minuten später kam Anna zurück. Schloss die Tür hinter sich.

»Okay«, sagte sie. »Was ist los?«

Jonas sah auf. »Was meinst du?«

»Du bist anders. Seit Tagen. Erst abwesend, dann fokussiert, dann wieder abwesend. Und heute … heute warst du perfekt vorbereitet. Als hättest du die ganze Nacht gelernt.«

»Habe ich.«

»Warum? Du kennst diese Projekte. Du hast sie selbst aufgesetzt.«

Jonas schwieg.

Anna setzte sich. »Ich will nicht neugierig sein. Aber … wenn etwas ist. Wenn du Hilfe brauchst. Ich bin da.«

»Danke«, sagte Jonas. »Aber ich … ich muss das allein regeln.«

Anna nickte. »Okay. Aber pass auf dich auf. Was auch immer es ist.«

Sie ging.

Jonas blieb sitzen. Starrte auf die geschlossene Tür.

Anna wusste. Nicht die Details. Aber sie spürte es.

Wie viele andere spürten es auch?

Das war M2s Leben. Verantwortung. Ein Team, das von ihm abhing. Kollegen, die sich um ihn sorgten. In Helix-1 hatte Jonas niemanden, der sich sorgte.

Er öffnete die Cloud, fand den Ordner „Q4-Strategie“. Begann zu lesen. Wenn er hier war – auch nur temporär – musste er lernen. Schnell.

IV

Am siebten Tag blieb er zum Abendessen.

Er war in Helix-2 gesprungen, nachmittags, und hatte nicht sofort zurückgewechselt. Stattdessen saß er in seinem – Jonas-2s – Büro und las durch alte Emails, Notizen, Kalendereinträge. Versuchte, die Geschichte dieses Lebens zu verstehen.

Die Abzweigung war vor drei Jahren passiert. Er hatte die Details zusammengepuzzelt. In Helix-1 hatte Mia ihm von dem Jobangebot in London erzählt, und er hatte geschwiegen. Hatte sie gehen lassen, aus Angst, sie zu bitten zu bleiben. Aus Angst vor der Verantwortung, vor dem Versprechen.

In Helix-2 hatte er sie gebeten zu bleiben. Eine einzige Entscheidung. Ein einziger Moment. Und alles hatte sich verändert.

Sein Handy vibrierte. Helix-2-Handy. Eine Nachricht von Mia.

„Bin in 20 Min zu Hause. Soll ich was mitbringen? Oder kochen wir?“

Jonas starrte auf die Nachricht. Zu Hause. Sie lebten zusammen. Natürlich taten sie das. In dieser Welt hatte sie nie London gewählt, weil er ihr einen Grund gegeben hatte zu bleiben.

Er sollte zurückspringen. Jetzt. Das war zu weit. Zu invasiv.

Aber seine Finger tippten bereits: „Lass uns kochen. Ich mache Pasta?“

„Perfekt. Bis gleich. ❤️“

Ein Herz. Ein simples Emoji. Aber es fühlte sich an wie ein Stromschlag.

Jonas stand auf, packte seine Sachen. Verließ das Büro. Die Kollegen riefen ihm Abschiedsgrüße zu. »Schönen Abend, Jonas!« »Bis morgen!« Er winkte zurück, automatisch, als hätte er das schon tausendmal getan.

Vielleicht hatte Jonas-2 das.

Die Wohnung – seine Wohnung, aber nicht seine – war nur fünfzehn Minuten entfernt. Jonas kannte den Weg, obwohl er ihn nie gegangen war. Muscle Memory von einem anderen Leben.

Er schloss die Tür auf. Trat ein.

Die Wohnung roch nach Mia. Nach ihrem Parfüm, nach den Kerzen, die sie mochte, nach dem Lavendel-Waschmittel, das sie benutzte. Jonas blieb im Flur stehen, atmete ein. Wie lange war es her, dass seine Wohnung nach etwas anderem gerochen hatte als nach kaltem Kaffee und Staub?

Er ging in die Küche. Sie war sauber, organisiert. Gewürze alphabetisch sortiert im Regal. Töpfe und Pfannen ordentlich verstaut. Das war Mias Einfluss. Jonas-1 lebte von Tiefkühlpizza und Lieferessen.

Er öffnete den Kühlschrank. Frisches Gemüse. Parmesan. Basilikum. Die Zutaten für Pasta waren da, als hätte jemand gewusst, dass er das vorschlagen würde.

Vielleicht hatte Jonas-2 das oft gemacht.

Jonas begann zu kochen. Es fühlte sich seltsam an, vertraut und fremd zugleich. Seine Hände wussten, wo die Messer waren, wo die Schneidebretter lagen. Aber sein Kopf war woanders, beobachtete sich selbst aus der Distanz.

Was machte er hier? Das war nicht sein Leben. Das war Voyeurismus. Diebstahl.

Die Tür öffnete sich.

»Jonas?« Mias Stimme. »Riecht gut!«

Sie kam in die Küche, stellte ihre Tasche ab. Trug Jeans und einen Pullover, Haare zu einem lockeren Knoten gebunden. Sie sah müde aus, aber glücklich. Trat zu ihm, legte ihre Arme um seine Taille von hinten, lehnte ihren Kopf gegen seinen Rücken.

»Langer Tag«, murmelte sie.

Jonas erstarrte. Ihre Berührung war warm, real, überwältigend. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, von jemandem gehalten zu werden. Wie lange war es her? Monate. Ein Jahr.

»Erzähl«, sagte er, und seine Stimme klang fast normal.

Mia ließ ihn los, lehnte sich gegen die Küchentheke. Begann von ihrer Arbeit zu erzählen – ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, beschädigt, kompliziert zu restaurieren. Jonas hörte zu, nickte an den richtigen Stellen, stellte Fragen. Es war einfacher als erwartet. Mia redete gern über ihre Arbeit, brauchte nur jemanden, der zuhörte.

Er konnte zuhören. Das war nicht schwer.

Sie aßen am Küchentisch. Die Pasta war gut – besser als alles, was Jonas in Monaten gekocht hatte. Mia erzählte weiter, lachte über eine Anekdote mit einem Kollegen. Jonas lachte mit, und für einen Moment vergaß er, dass das nicht sein Leben war.

»Du bist ruhig heute«, sagte Mia irgendwann. Sie sah ihn an, Kopf leicht geneigt. »Alles okay?«

»Nur müde«, sagte Jonas. »Viel Arbeit.«

»Du arbeitest zu viel.« Sie griff über den Tisch, nahm seine Hand. »Ich mache mir Sorgen um dich.«

Ihre Hand war warm in seiner. Jonas sah auf ihre verschränkten Finger. In Helix-1 hatte niemand seine Hand gehalten. Niemand machte sich Sorgen um ihn.

»Mir geht’s gut«, sagte er.

Mia lächelte, aber es erreichte ihre Augen nicht ganz. »Du sagst das immer.«

Nach dem Essen räumten sie zusammen auf. Mia wusch, Jonas trocknete. Eine einfache Choreographie, eingeübt über Jahre. Oder zumindest über Jonas-2s Jahre.

Dann setzten sie sich auf die Couch. Mia kuschelte sich an ihn, legte ihren Kopf auf seine Schulter. Der Fernseher lief – irgendeine Serie, die Jonas nicht kannte, aber Mia offenbar schon. Sie kommentierte die Charaktere, lachte an den richtigen Stellen.

Jonas saß da, ihren Körper warm gegen seinen, und fühlte etwas in seiner Brust aufbrechen.

Das hier. Das war es, was er verloren hatte. Was er weggeworfen hatte, aus Angst, aus Feigheit.

In Helix-1 saß er jetzt wahrscheinlich allein in seiner Wohnung, starrte auf sein Notebook, aß Tiefkühlpizza. In Helix-1 rief Mia nicht an. In Helix-1 machte sich niemand Sorgen um ihn.

Hier war jemand. Hier war Mia. Hier war Wärme.

»Jonas?« Mias Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Hmm?«

»Ich habe dich etwas gefragt.«

»Entschuldigung. Was?«

Sie richtete sich auf, sah ihn an. »Ich habe gefragt, ob du nächste Woche mit zu meinen Eltern kommst. Zum Geburtstag meiner Mutter. Aber du warst komplett woanders.«

»Ich …« Jonas' Verstand raste. Mias Eltern. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Seit sie nach London gegangen war. Oder nicht gegangen war. »Natürlich. Klar.«

Mia runzelte die Stirn. »Du hast es vergessen, oder?«

»Nein, ich—«

»Jonas.« Ihre Stimme wurde leiser. »Was ist los mit dir? Du bist seit Tagen so … abwesend. Als wärst du nicht wirklich hier.«

Er war nicht wirklich hier. Das war das Problem.

»Entschuldigung«, sagte er. »Ich bin nur … es ist die Arbeit. Das neue Projekt. Ich bin gestresst.«

Mia seufzte. »Du bist immer gestresst.« Sie stand auf. »Ich gehe ins Bett. Kommst du?«

Jonas nickte. »Gleich.«

Sie beugte sich herunter, küsste ihn auf die Stirn. »Schlaf nicht auf der Couch ein. Bitte.«

»Versprochen.«

Sie verschwand im Schlafzimmer. Jonas blieb sitzen, starrte auf den Fernseher, ohne zu sehen.

Er sollte gehen. Zurückspringen. Jetzt.

Aber er bewegte sich nicht.

Stattdessen stand er auf, ging zum Schlafzimmer. Die Tür war angelehnt. Mia lag bereits im Bett, Rücken zu ihm, Decke bis zur Schulter gezogen.

Jonas zog sich aus, legte sich neben sie. Das Bett war weich, warm. Roch nach Mia.

Sie drehte sich um, kuschelte sich an ihn. Halb schlafend, automatisch. Ihr Atem wurde langsamer, gleichmäßiger.

Jonas lag wach, starrte an die Decke.

Das war falsch. Er wusste, dass es falsch war. Das war nicht sein Leben. Nicht seine Mia. Er stahl etwas, das Jonas-2 gehörte.

Aber es fühlte sich so verdammt richtig an.

Zum ersten Mal seit Monaten – seit Jahren – fühlte er sich nicht allein.

Er schloss die Augen. Nur für einen Moment. Nur um zu fühlen, wie es war.

Nur noch fünf Minuten, dachte er. Nur noch fünf Minuten in diesem Leben, in dem er nicht allein war.

Fünf Minuten wurden zu zehn. Zu zwanzig. Zu einer Stunde.

Mia atmete gleichmäßig neben ihm. Warm. Real. Hier.

Jonas dachte: Ich sollte gehen. Aber sein Körper war schwer. Seine Augen fielen zu.

Nur noch einen Moment …

Jonas wachte auf, und Mia war weg.

Panik durchfuhr ihn. Er setzte sich auf, desorientiert. Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge. Wie spät war es?

Er griff nach seinem Handy. 9:47 Uhr. Scheiße. Er war eingeschlafen. Wirklich eingeschlafen. In Helix-2.

Eine Nachricht von Mia: „Bist du krank? Du hast verschlafen. Hab dich nicht wecken wollen. Ruf mich an. ❤️“

Eine Nachricht von seiner Arbeit – Helix-2-Arbeit: »Jonas, das Meeting beginnt in 10 Min. Wo sind Sie?«

Und eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: „Was zur HÖLLE machst du? Ich stecke in deinem beschissenen Leben fest, und du schläfst in meinem Bett?? – M2“

Jonas betrachtete die letzte Nachricht.

M2 war in Helix-1. Gefangen, während Jonas hier war.

Er sprang aus dem Bett, zog sich hastig an. Konzentrierte sich. Wasser. Kalt. Loslassen.

Der Kupfergeschmack kam, das Ziehen—

Nichts.

Er versuchte es noch einmal. Noch einmal.

Nichts.

Der Sprung funktionierte nicht.

Jonas' Herz begann zu rasen. Was war passiert? Warum konnte er nicht zurück?

Sein Handy vibrierte. Wieder die unbekannte Nummer.

„Du kannst nicht zurück, oder? Ich auch nicht. Ich glaube, wir haben zu lange gewartet. Die Verschränkung hat sich … stabilisiert. Wir stecken fest. Jeder im Leben des anderen.“

Eine Pause. Dann:

„Willkommen in meinem Leben, Arschloch. Viel Spaß.“

Jonas ließ das Handy fallen.

Er war gefangen. In Helix-2. In Jonas-2s Leben.

In einem Leben, das er nicht kannte. Mit Verantwortungen, die er nicht übernommen hatte. Mit Menschen, die ihn kannten, aber die er nicht kannte.

Mit Mia. Die ihn liebte. Die dachte, er wäre jemand anderes.

Das Spiel war vorbei.

Die Konsequenzen hatten gerade erst begonnen.

V

Jonas stand unter der Dusche und ließ kaltes Wasser über seinen Kopf laufen. Versuchte, klar zu denken.

Gefangen. Er war gefangen in Helix-2.

Oder … war er das wirklich?

Er trocknete sich ab, ging zum Spiegel. Sein Gesicht sah zurück – keine grauen Haare, ausgeruhter als in Wochen. Das Gesicht von jemandem, der ein besseres Leben lebte.

Sein Handy lag auf dem Waschbecken. Die Nachricht von M2 war noch da.

Jonas tippte: „Wie lange?“

Die Antwort kam nach zwei Minuten: „Keine Ahnung. Einen Tag? Zwei? Ich habe es noch nie so lange versucht. Du?“

„Auch nicht.“

„Großartig. Wir sind beide Idioten.“

Jonas' Blick verharrte auf dem Bildschirm. Dann tippte er: „Was machen wir?“

Die Antwort dauerte länger diesmal.

„Was können wir machen? Wir warten. Vielleicht löst sich die Verschränkung von selbst. In der Zwischenzeit … versuch, mein Leben nicht komplett zu ruinieren. Ich versuche das Gleiche mit deinem.“

„Wie soll ich das tun? Ich kenne dein Leben nicht.“

„Dann lern es. Schnell. Du hast in einer Stunde ein Team-Meeting. Anna wird Fragen zu dem Projekt stellen. Die Antworten sind in der Cloud, Ordner “Q4-Strategie„. Mia erwartet heute Abend, dass du mit ihr über 'gestern' redest – keine Ahnung, was gestern war, aber sie war aufgebracht. Und du hast morgen Abendessen mit ihren Eltern. Vergiss das nicht.“

Jonas las die Nachricht noch einmal. Das war keine Drohung. Das war … Hilfe?

„Warum hilfst du mir?“

„Weil wenn du scheiterst, scheitere ich auch. Wir sind verschränkt, Idiot. Was du tust, beeinflusst mich. Was ich tue, beeinflusst dich. Wir sind im selben Boot. Nur dass das Boot in zwei verschiedenen Ozeanen schwimmt.“

Jonas lehnte sich gegen die Wand. Das ergab Sinn. Eine perverse, unmögliche Art von Sinn.

„Okay. Was brauchst du von mir? Für Helix-1?“

„Geh zur Arbeit. Mach deine Quartalsberichte fertig. Präsentation ist übermorgen. Und ruf verdammt nochmal deine Mutter an. Sie hat dreimal angerufen.“

Seine Mutter. Jonas hatte seit Wochen nicht mit ihr gesprochen. Schlechtes Gewissen kroch in ihm hoch.

„Okay.“

„Und Jonas?“

„Ja?“

„Fass meine Mia nicht an.“

Jonas sah auf die Nachricht. Dann tippte er: „Sie ist auch meine Mia.“

Die Antwort kam sofort: „Nein. Ist sie nicht. Du hast deine Mia gehen lassen. Ich habe meine gebeten zu bleiben. Das ist der Unterschied.“

Jonas hatte keine Antwort darauf.

Das Team-Meeting war … besser als erwartet.

Jonas saß am Kopf des Tisches – offenbar sein Platz als Senior Analyst – und hatte die ganze Nacht die Dateien studiert. Q4-Strategie. Risikomodelle. Projektpläne.

Er war vorbereitet. Nicht perfekt, aber genug.

Anna stellte ihre Fragen. Jonas antwortete, präzise, analytisch. Die anderen nickten, machten Notizen.

»Gut«, sagte Anna am Ende. »Das klingt solide. Wir gehen so vor.«

Nach dem Meeting kam sie zu ihm.

»Besser heute«, sagte sie.

»Besser?«

»Gestern warst du … abwesend. Heute bist du fokussiert.« Sie musterte ihn. »Was auch immer du gemacht hast, mach weiter so.«

Jonas nickte. »Danke.«

Sie ging. Jonas blieb in seinem Büro sitzen, starrte auf den Bildschirm.

Das war M2s Leben. Verantwortung. Ein Team, das von ihm abhing. Kollegen, die sich um ihn sorgten.

In Helix-1 hatte Jonas niemanden, der sich sorgte.

Aber jetzt … jetzt musste er sich sorgen. Um dieses Leben. Um diese Menschen. Weil es das Einzige war, was er hatte.

Am Abend kam Mia nach Hause und fand ihn auf der Couch, Notebook auf den Knien, Notizen überall verstreut.

»Du arbeitest schon wieder«, sagte sie. Nicht vorwurfsvoll. Nur müde.

Jonas klappte das Notebook zu. »Entschuldigung. Ich bin gleich fertig.«

Mia setzte sich neben ihn. Schwieg einen Moment. Dann: »Können wir jetzt reden? Über gestern?«

Gestern. Was auch immer gestern passiert war.

Jonas' Verstand raste. Er könnte lügen, ausweichen. Aber Mia würde es merken. Sie kannte ihn – oder zumindest kannte sie M2.

»Ich …« Er holte tief Luft. »Entschuldigung, aber kannst du mir sagen, was genau gestern passiert ist? Ich war so gestresst, alles verschwimmt.«

Mia sah ihn lange an. »Du hast es vergessen.«

»Nicht vergessen. Nur … durcheinander.«

Sie seufzte. »Wir haben über Kinder geredet. Du hast gesagt, du bist noch nicht bereit. Ich habe gesagt, wir werden nie bereit sein, wenn wir immer warten. Du hast gesagt, du brauchst mehr Zeit. Ich habe gefragt, wie viel Zeit. Du hattest keine Antwort.«

Kinder. Natürlich. Sie waren zusammen, stabil, Anfang dreißig. Die Frage war unvermeidlich.

»Und dann?« fragte Jonas leise.

»Dann hast du dich in deine Arbeit vergraben. Wie immer.« Mia sah auf ihre Hände. »Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt eine Zukunft mit mir willst. Oder ob du nur … hier bist, weil es einfacher ist als zu gehen.«

Die Worte trafen Jonas wie ein Schlag. Weil sie wahr waren. Nicht für M2 vielleicht, aber für ihn.

Er hatte Mia gehen lassen in Helix-1, weil er Angst hatte. Angst vor Verantwortung, vor Versagen, vor der Zukunft.

Und jetzt saß er hier, in einem Leben, in dem er sie gebeten hatte zu bleiben, und M2 hatte dieselbe Angst. Nur anders verpackt.

»Ich will eine Zukunft mit dir«, sagte Jonas. Und er meinte es. In diesem Moment meinte er es wirklich.

Mia sah ihn an. »Dann zeig es mir. Nicht mit Worten. Mit Taten.«

»Wie?«

»Sei hier. Wirklich hier. Nicht nur körperlich, sondern … präsent. Hör auf, dich in Arbeit zu flüchten. Hör auf, schwierige Gespräche zu vermeiden.« Sie nahm seine Hand. »Ich liebe dich, Jonas. Aber ich kann nicht die Einzige sein, die kämpft.«

Jonas drückte ihre Hand. »Ich weiß. Du hast recht.«

»Wirklich?« Sie klang überrascht.

»Ja. Ich … ich war feige. Ich bin feige. Aber ich will es besser machen.«

Mia lächelte, zum ersten Mal an diesem Abend. »Okay. Dann fangen wir morgen an. Bei meinen Eltern. Du kommst mit, du bist charmant, und du beschwerst dich nicht über meinen Vater.«

Jonas lachte. »Was ist mit deinem Vater?«

»Du weißt genau, was mit ihm ist.«

Er wusste es nicht. Aber er würde es herausfinden.

»Versprochen«, sagte er.

Mia lehnte sich an ihn. »Danke.«

Sie saßen so eine Weile, in Stille. Jonas spürte ihren Atem, ihre Wärme. Und zum ersten Mal seit Tagen dachte er nicht daran, zurückzuspringen. Vielleicht, dachte er, war das gar nicht so schlimm. Gefangen zu sein in einem besseren Leben.

Nachts, als Mia schlief, schrieb Jonas eine Nachricht an M2.

„Wie läuft es in Helix-1?“

Die Antwort kam nach zehn Minuten: »Scheiße. Dein Leben ist deprimierend. Wie hältst du das aus?«

„Gewohnheit.“

„Deine Wohnung ist ein Desaster. Deine Arbeit ist langweilig. Du hast keine Freunde. Und Mia ruft nicht an.“

Jonas starrte auf die Worte. Das war sein Leben. Zusammengefasst in vier Sätzen.

„Tut mir leid“, tippte er.

„Wofür?“

„Dass du da feststeckst.“

Sekunden vergingen. Dann: „Tut mir auch leid. Dass du hier feststeckst. Auch wenn mein Leben besser ist.“

„Ist es das?“

„Was meinst du?“

„Ist dein Leben wirklich besser? Oder nur anders?“

Keine Antwort kam.

Jonas legte das Handy weg, sah zur Decke. Mia atmete gleichmäßig neben ihm.

Zwei Leben. Zwei Jonas. Beide unvollständig. Beide auf der Flucht vor etwas. Vielleicht war das das Problem. Nicht die Welt, in der man lebte. Sondern die Person, die man war.

Die nächsten Tage entwickelten einen Rhythmus.

Morgens: Aufwachen neben Mia. Frühstück zusammen. Zur Arbeit.

Tagsüber: Meetings, Projekte, Entscheidungen. Jonas lernte schnell. Die Namen der Kollegen. Die laufenden Projekte. Die Dynamiken im Team.

Abends: Nach Hause. Kochen mit Mia. Reden. Wirklich reden.

Nachts: Nachrichten mit M2. Updates. Ratschläge. Langsam, vorsichtig, etwas wie Verständnis.

Am dritten Tag schrieb M2: „Ich habe deine Wohnung aufgeräumt. Die Kartons ausgepackt. Die Pflanze gegossen.“

„Die Pflanze lebt noch?“

„Kaum. Aber ja. Ich versuche es.“

„Danke.“

„Ich habe auch deine Mutter angerufen. Wir haben eine Stunde geredet. Sie ist … nett. Macht sich Sorgen um dich.“

„Was hast du ihr gesagt?“

„Dass es dir gut geht. Dass du nur beschäftigt bist. Sie hat nicht geglaubt, aber sie hat es akzeptiert.“

Jonas schloss die Augen. »Danke.«

„Hör auf, dich zu bedanken. Wir helfen uns gegenseitig. Das ist alles.“

„Ja. Das ist alles.“

Am nächsten Abend:

Das Abendessen mit Mias Eltern war … eine Herausforderung.

Ihr Vater – groß, graue Haare, durchdringender Blick – stellte Fragen. Viele Fragen.

»Und wie läuft es bei der Arbeit, Jonas?«

»Gut. Wir haben ein neues Projekt. Risikoanalyse für eine Produktlinie.«

»Klingt spannend. Und die Beförderung? Zufrieden?«

»Ja. Es ist … eine Herausforderung. Aber eine gute.«

»Gut, gut.« Mias Vater lehnte sich zurück. »Und wann kann ich mit Enkelkindern rechnen?«

Mia verschluckte sich an ihrem Wein. »Papa!«

»Was? Ich bin 68. Ich will sie noch kennenlernen, bevor ich sterbe.«

»Du stirbst nicht.«

»Das weißt du nicht. Statistisch gesehen—«

»Papa, bitte.«

Jonas lächelte, trotz allem. »Wir … reden darüber. Mia und ich. Über die Zukunft.«

Mias Vater musterte ihn. »Gut. Reden ist gut. Aber irgendwann muss man auch handeln.«

»Ja. Das stimmt.«

Nach dem Essen, auf dem Weg nach Hause, sagte Mia: »Tut mir leid. Er ist … intensiv.«

»Es ist okay. Er sorgt sich um dich.«

»Ja. Aber manchmal ist es zu viel.« Sie nahm seine Hand. »Du warst gut heute. Geduldig. Charmant.«

»Ich habe es versucht.«

»Mehr als versucht.« Sie küsste ihn auf die Wange. »Danke.«

Jonas drückte ihre Hand. Sagte nichts. Aber in seinem Kopf dachte er: Das ist nicht mein Verdienst. Das ist M2s Leben. Ich spiele nur eine Rolle.

Aber vielleicht … vielleicht war das okay. Für jetzt.

Am fünften Tag spürte Jonas das Flackern wieder. Schwach. Kaum wahrnehmbar. Aber da.

Er stand im Badezimmer, Morgen, Mia noch im Bett. Schloss die Augen. Konzentrierte sich.

Das Flackern wurde stärker. Der Geschmack von Kupfer. Das Ziehen.

Er könnte springen. Zurück nach Helix-1. Zurück zu seinem alten Leben. Aber …

Jonas öffnete die Augen. Sah in den Spiegel. Sein Gesicht, ohne graue Haare, ausgeruht.

Er könnte springen. Aber wollte er?

Er griff nach seinem Handy.

„Spürst du es?“

Die Antwort kam sofort: „Ja. Das Flackern ist zurück.“

„Wir könnten tauschen. Zurück in unsere Leben.“

Die Antwort kam nicht sofort.

„Ja. Wir könnten.“

„Aber?“

„Aber … ich weiß nicht. Dein Leben ist scheiße, Jonas. Aber ich habe angefangen, es zu reparieren. Die Wohnung ist sauber. Ich habe mit deiner Mutter geredet. Ich habe die Pflanze am Leben gehalten. Wenn ich jetzt gehe … fällt alles wieder auseinander.“

Jonas las die Nachricht noch einmal. „Und ich … ich habe angefangen, dein Leben zu verstehen. Das Team. Mia. Die Verantwortung. Wenn ich jetzt gehe …“

„… übernehme ich wieder. Und ich weiß nicht, ob ich bereit bin.“

„Was machen wir?“

„Ich weiß nicht.“

Jonas stand im Badezimmer, Handy in der Hand, und fühlte das Flackern pulsieren.

Eine Einladung. Eine Möglichkeit. Eine Wahl. Aber keine klare Antwort.

„Lass uns warten“, schrieb er schließlich. „Noch ein paar Tage. Wir reparieren beide unsere Leben. Und dann … dann entscheiden wir.“

„Okay. Noch ein paar Tage.“

Jonas legte das Handy weg. Das Flackern war noch da, leise, im Hintergrund. Aber er sprang nicht.

Nicht heute.

VI

Am achten Tag begann Jonas, sich zurechtzufinden.

Die Namen der Kollegen. Mias morgendliche Routine. Wo die Dinge in der Wohnung standen.

Die Nachrichten mit M2 waren regelmäßiger geworden. Praktische Updates, Warnungen, gelegentlich etwas, das fast wie Humor klang.

„Deine Mutter will nächste Woche zum Kaffee kommen. Habe zugesagt. Sorry.“

„Was hast du gesagt?“

„Dass du kommst. War das falsch?“

„Nein. Danke.“

„Übrigens, deine Quartalsberichte sind scheiße. Ich habe sie überarbeitet. Du schuldest mir was.“

Jonas hatte gelacht. Zum ersten Mal seit Tagen wirklich gelacht.

Vielleicht, dachte er, war das nicht so schlimm. Vielleicht konnten sie das hinbekommen. Zwei Leben, zwei Jonas, aber irgendwie im Gleichgewicht.

Dann kam der Kratzer.

Jonas bemerkte ihn am Morgen des achten Tages. Ein langer, roter Kratzer an seinem rechten Unterarm. Frisch, leicht blutend.

Er starrte darauf. Wann war das passiert? Gestern Abend? Heute Nacht? Er konnte sich nicht erinnern.

Mia kam aus dem Bad, sah den Kratzer. »Was ist das?«

»Keine Ahnung«, sagte Jonas. »Muss mich irgendwo gestoßen haben.«

»Sieht aus wie ein Katzenkratzer.«

»Wir haben keine Katze.«

»Ich weiß.« Mia runzelte die Stirn. »Seltsam.«

Sie ging zur Arbeit. Jonas blieb zurück, starrte auf den Kratzer.

Dann griff er nach seinem Handy.

„Hast du einen Kratzer am rechten Unterarm?“

Die Antwort kam sofort: „Ja. Woher weißt du das?“

„Ich habe auch einen.“

„Scheiße.“

„Was ist passiert?“

„Ich war gestern in deiner Wohnung. Habe versucht, die Gitarre zu bewegen. Sie ist umgefallen, die Saite hat mich erwischt.“

Jonas sah auf seinen Arm. Der Kratzer sah aus wie der, den M2 beschrieb. Übertragen. Von Helix-1 nach Helix-2. Vielleicht 60 %, wie bei den den früheren Tests. Aber deutlich genug.

„Es überträgt sich“, schrieb er.

„Offensichtlich.“

„Das ist nicht gut.“

„Nein. Ist es nicht.“

Jonas stand auf, ging zum Spiegel. Untersuchte seinen Körper. Waren da andere Veränderungen? Andere Übertragungen?

Ein kleiner blauer Fleck am linken Knie. Wann war der entstanden?

„Hast du einen blauen Fleck am linken Knie?“

„Ja. Bin gestern gegen deinen Couchtisch gelaufen. Deine Wohnung ist ein Hindernisparcours.“

Der blaue Fleck war auch übertragen worden.

Jonas setzte sich auf die Bettkante. Das war ein Problem. Ein ernstes Problem.

Wenn physische Veränderungen übertragen wurden, dann bedeutete das … was? Dass sie nicht wirklich getrennt waren? Dass die Verschränkung tiefer ging als gedacht?

„Wir müssen vorsichtig sein“, schrieb er.

„Ja. Keine Scheiße.“

„Ich meine es ernst. Wenn du dich verletzt, verletze ich mich. Wenn ich mich verletze—“

„Verstehe ich. Wir sind verbunden. Großartig.“

Jonas betrachtete den Kratzer. Eine neue Sorge kroch in ihm hoch.

Was, wenn die Übertragung nicht nur physisch war?

Am Nachmittag, im Büro, bemerkte Jonas das Buch.

Es lag auf seinem Schreibtisch. „Sterblichkeit und Bedeutung“ von Thomas Nagel. Ein philosophisches Werk über den Tod.

Jonas starrte darauf. Wann hatte er das gekauft? Er erinnerte sich nicht.

Er griff danach.

Seine Hand ging durch.

Jonas zuckte zurück. Was zur—

Er versuchte es noch einmal. Langsamer. Vorsichtiger.

Seine Finger berührten die Tischoberfläche. Kein Buch. Nur Holz.

Aber er sah es. Klar. Deutlich. Aufgeschlagen, mit Notizen in den Rändern. Dichte, analytische Handschrift. Fragen über Fragen.

„Was macht ein Leben bedeutsam?“

„Ist Bedeutung objektiv oder subjektiv?“

„Wenn ich in zwei Welten existiere, in welcher bin ich real?“

Jonas schloss die Augen. Atmete tief durch. Öffnete sie wieder.

Das Buch war noch da. Aber als er die Hand ausstreckte, war da nichts.

Eine Halluzination? Nein. Zu spezifisch. Zu real.

Dann traf es ihn: Das war keine Halluzination.

Das war eine Erinnerung.

M2s Erinnerung.

Jonas konzentrierte sich auf das Buch. Auf die Notizen. Und plötzlich war er nicht mehr in seinem Büro.

Er war in einer Buchhandlung. Hardenbergstraße. Der Geruch von alten Büchern. Das Regal mit Philosophie. Seine Finger – nein, M2s Finger – glitten über die Buchrücken.

„Sterblichkeit und Bedeutung.“

Er zog es heraus. Blätterte. Las den Klappentext.

„Eine Untersuchung darüber, was ein Leben bedeutsam macht, angesichts unserer Sterblichkeit.“

M2 kaufte das Buch. Ging zur Kasse. Die Kassiererin mit den roten Haaren lächelte.

»Interessante Wahl«, sagte sie.

»Ich versuche, etwas zu verstehen«, antwortete M2.

»Und? Hilft es?«

»Ich weiß es noch nicht.«

Jonas riss sich aus der Erinnerung. Keuchte. Sein Büro. Helix-2. Kein Buch auf dem Tisch.

Aber die Erinnerung war so stark, so real, dass seine Hände zitterten.

Er griff nach seinem Handy.

„Hast du ein Buch über Sterblichkeit gekauft?“

„Ja. Vor drei Tagen. Warum?“

„Ich sehe es. Hier. Auf meinem Schreibtisch. In Helix-2.“

Pause.

„Das ist nicht möglich. Objekte übertragen sich nicht.“

„Ich weiß. Aber ich sehe es. Ich kann es nicht anfassen, aber ich sehe es. Und ich erinnere mich … an den Kauf. An die Buchhandlung. An die Kassiererin mit den roten Haaren.“

Eine längere Pause.

„Scheiße.“

„Ja.“

„Das war meine Erinnerung. Nicht deine.“

„Ich weiß. Aber sie ist jetzt auch meine. Ich war da. Ich habe es erlebt. Durch dich.“

„Die Verschränkung wird stärker.“

„Ja.“

Jonas sah auf den Schreibtisch. Das Buch war noch da. Durchsichtig. Wie ein Geist.

„Es ist nicht nur physische Übertragung“, schrieb er. „Es sind Gedanken. Erinnerungen. Erfahrungen. Wir verschmelzen.“

„Hören wir auf zu existieren? Als getrennte Menschen?“

Jonas starrte auf das Geister-Buch. Auf die Fragen, die M2 geschrieben hatte. Die jetzt auch seine Fragen waren.

„Wenn ich in zwei Welten existiere, in welcher bin ich real?“

„Ich weiß nicht“, schrieb er.

Das Buch verblasste. Langsam. Bis nur noch der leere Schreibtisch übrig war.

Aber die Fragen blieben.

Am Abend war Mia still.

Sie saßen beim Essen – Jonas hatte wieder gekocht, Routine half ihm, sich normal zu fühlen – aber Mia aß kaum. Schob das Essen auf ihrem Teller hin und her.

»Alles okay?« fragte Jonas.

»Ich weiß nicht.« Sie sah ihn an. »Du bist anders.«

Jonas' Herz machte einen Sprung. »Was meinst du?«

»Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Du bist … aufmerksamer. Präsenter. Aber gleichzeitig … fremd. Als würde ich dich nicht ganz kennen.«

»Vielleicht verändern sich Menschen«, sagte Jonas vorsichtig.

»Nicht so schnell. Nicht über Nacht.« Mia legte ihre Gabel hin. »Vor einer Woche wolltest du nicht über Kinder reden. Jetzt stimmst du allem zu. Vor einer Woche hast du meine Eltern gemieden. Jetzt bist du charmant. Was ist passiert?«

Jonas' Verstand raste. Was sollte er sagen? Die Wahrheit? Unmöglich.

»Ich … habe nachgedacht«, sagte er. »Über uns. Über mein Leben. Ich habe gemerkt, dass ich Dinge ändern muss.«

»So funktioniert das nicht. Menschen ändern sich nicht einfach.«

»Warum nicht?«

»Weil …« Mia stockte. »Weil Veränderung Zeit braucht. Arbeit. Du kannst nicht einfach aufwachen und ein anderer Mensch sein.«

»Vielleicht kann ich das doch.«

Mia sah ihn lange an. »Wer bist du?«

Die Frage hing in der Luft, schwer, gefährlich. Sein Brustkorb wurde eng. Sie wusste es. Irgendwie wusste sie es.

»Ich bin Jonas«, sagte er.

»Welcher Jonas?«

Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Sie wusste es nicht. Konnte es nicht wissen. Aber irgendwie, auf einer unbewussten Ebene, spürte sie es.

»Was meinst du?« Seine Stimme klang ruhiger als er sich fühlte.

Mia schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Du bist … anders. Seit Tagen. Als wärst du nicht ganz du. Als wäre ein Teil von dir woanders.«

»Ich bin hier. Jetzt. Bei dir.«

»Bist du das?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Oder bist du nur … anwesend? Körperlich hier, aber mental woanders?«

»Ich war woanders. Das stimmt. In meinem Kopf. In meinen Ängsten. Aber jetzt … jetzt bin ich hier. Wirklich hier. Ich verspreche es.«

Mia sah ihn lange an. Ihre Augen suchten sein Gesicht, als würde sie nach etwas suchen. Nach dem Mann, den sie kannte.

»Du erinnerst dich nicht an Dinge«, sagte sie leise. »Kleine Dinge. Gestern habe ich von meiner Arbeit erzählt – das Gemälde, das ich seit Monaten restauriere – und du hast genickt, als würdest du zum ersten Mal davon hören.«

Jonas' Mund wurde trocken.

»Und du nennst mich Mia.« Ihre Stimme brach leicht. »Du nennst mich nie Mia. Immer Sar. Seit dem ersten Tag. Aber seit einer Woche … bin ich Mia.«

Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Die Details. Die kleinen, verräterischen Details.

»Ich …« Jonas suchte nach Worten. »Ich war verwirrt. Gestresst. Die Arbeit—«

»Ich weiß, dass etwas nicht stimmt.« Mia unterbrach ihn. »Ich weiß es. Und du … du tust so, als wäre alles normal. Als würde ich mir das einbilden.«

»Du bildest dir nichts ein.«

»Was ist es dann?« Ihre Stimme wurde lauter. »Sag es mir. Bist du krank? Hast du … hast du jemand anderen?«

»Nein. Nein, ich—«

»Dann was?« Tränen liefen über ihre Wangen. »Wer bist du? Wirklich?«

Jonas schloss die Augen. Er könnte es ihr sagen. Jetzt. Die Wahrheit. Die unmögliche, verrückte Wahrheit.

Aber sie würde ihn nicht glauben. Würde denken, er wäre wahnsinnig.

»Ich bin Jonas«, sagte er leise. »Ich bin … ich war woanders. In meinem Kopf. In meinen Ängsten. Ich habe Dinge vergessen. Wichtige Dinge. Und das tut mir leid. Aber ich bin hier. Jetzt. Und ich versuche … ich versuche, zurückzufinden.«

Mia sah ihn lange an. »Zurückzufinden. Von wo?«

»Ich weiß nicht.«

»Das ist keine Antwort.«

»Ich weiß.« Jonas trat näher, aber sie wich nicht zurück. »Aber es ist die einzige, die ich dir geben kann. Ich kann dir nicht erklären, was passiert ist. Ich verstehe es selbst nicht. Aber ich bin hier. Ich will hier sein. Bei dir.«

Mia schwieg. Ihre Augen waren rot, ihr Gesicht angespannt.

»Ich glaube dir nicht«, sagte sie schließlich. »Aber ich will dir glauben. Und das … das macht es schlimmer.«

»Sar—«

»Nein.« Sie hob eine Hand. »Sag jetzt nichts. Ich brauche … ich brauche Zeit. Um nachzudenken.«

Jonas nickte, stumm.

»Ich gehe nicht weg«, sagte Mia, als würde sie seine Gedanken lesen. »Aber ich brauche Abstand. Heute Nacht. Morgen. Ich weiß nicht.«

»Okay.«

Sie stand auf. »Ich brauche Luft.«

Sie ging auf den Balkon, schloss die Tür hinter sich. Jonas blieb am Tisch sitzen, starrte auf sein Essen.

Das war der erste echte Riss. Der erste Moment, in dem die Illusion zu bröckeln begann.

Er griff nach seinem Handy.

„Mia merkt, dass etwas nicht stimmt.“

„Hier auch. Meine Mia – deine Mia – hat heute angerufen. Aus London. Wollte reden. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.“

„Was hast du gesagt?“

„Die Wahrheit. Teilweise. Dass ich mich verändert habe. Dass ich Fehler gemacht habe. Sie hat geweint.“

Jonas schloss die Augen. „Scheiße.“

„Ja.“

„Was machen wir?“

„Keine Ahnung. Aber wir können nicht so weitermachen. Die Risse werden größer.“

Jonas sah zum Balkon. Mia stand dort, Arme um sich geschlungen, starrte in die Nacht.

„Wir müssen zurück“, schrieb er. „In unsere eigenen Leben.“

„Ich weiß. Aber wie? Der Sprung funktioniert … ich weiß nicht. Manchmal spüre ich das Flackern, manchmal nicht.“

„Bei mir auch. Es ist … unberechenbar.“

„Wir müssen es versuchen. Morgen. Gleichzeitig. Vielleicht funktioniert es, wenn wir beide wollen.“

„Okay. Morgen.“

Jonas legte das Handy weg.

Mia kam vom Balkon zurück, setzte sich neben ihn. Sagte nichts. Legte nur ihren Kopf auf seine Schulter.

Jonas hielt sie fest. Spürte ihre Wärme. Ihre Realität. Und dachte: Morgen. Morgen gehe ich zurück.

Aber ein Teil von ihm wollte nicht.

Nachts lag er wach, Mia neben ihm. Sie hatte sich von ihm weggedreht, eine kleine, aber deutliche Distanz zwischen ihnen.

Der Kratzer an seinem Arm juckte. Jonas kratzte daran, ohne nachzudenken. Dann hielt er inne.

Wenn er sich kratzte, kratzte sich M2 auch. Wenn M2 sich kratzte, kratzte er sich.

Sie waren verbunden. Untrennbar.

Zwei Körper, aber irgendwie … ein System.

Jonas schaute an die Decke. Die Risse im Putz – er hatte aufgehört, sie zu zählen.

Irgendwo, in Helix-1, lag M2 wach und starrte an dieselbe Decke. Oder eine andere Version davon.

Dachten sie dieselben Gedanken? Fühlten sie dieselben Ängste? Waren sie noch zwei Menschen? Oder wurden sie langsam zu einem? Die Frage hielt ihn wach bis zum Morgengrauen.

Am nächsten Morgen stand Jonas im Badezimmer. Mia war schon zur Arbeit gegangen.

Er schloss die Augen. Konzentrierte sich. Wasser. Kalt. Loslassen.

Das Flackern kam. Schwach, aber da.

Der Geschmack von Kupfer. Das Ziehen.

Er ließ los.

Ein Atemzug. Oder eine Ewigkeit.

Dann …

Nichts.

Das Ziehen verschwand. Das Flackern erlosch.

Jonas öffnete die Augen. Immer noch Helix-2. Blaues Handtuch. Weißer Zahnbürstenbecher.

Er hatte nicht gesprungen.

Sein Handy vibrierte.

„Ich konnte auch nicht. Das Flackern war da, aber … ich konnte nicht greifen. Als würde etwas mich zurückhalten.“

„Bei mir auch.“

„Was hält uns zurück?“

Jonas sah in den Spiegel. Sein Gesicht ohne graue Haare. Ausgeruht. Das Gesicht von jemandem, der in Helix-2 gehörte.

„Vielleicht wir selbst“, schrieb er.

„Was meinst du?“

„Vielleicht … vielleicht funktioniert das Springen nur, wenn wir wirklich weg wollen. Wenn wir die Realität ablehnen. Aber jetzt …“

„… jetzt haben wir akzeptiert, wo wir sind.“

„Ja.“

Eine lange Pause.

„Scheiße.“

„Ja.“

Jonas legte das Handy weg. Starrte in den Spiegel.

Er war gefangen. Nicht weil er nicht springen konnte. Sondern weil ein Teil von ihm nicht mehr wollte.

Aber vielleicht … vielleicht würde das Flackern zurückkommen. Wenn sie sich entschieden. Wenn sie akzeptierten, wo sie waren.

Vielleicht war Akzeptanz nicht das Ende. Sondern der Anfang.

VII

Jonas begann, Notizen zu hinterlassen.

Nicht nur SMS. Richtige Notizen. Auf Papier, an Orten, wo nur M2 sie finden würde. In der Wohnung, im Büro, in Jackentaschen.

Die erste hinterließ er am zehnten Tag, auf dem Küchentisch in Helix-2, bevor er zur Arbeit ging.

„Deine Heizung macht Geräusche. Habe den Vermieter angerufen. Kommt Montag. – M1“

Als er am Abend zurückkam, lag ein Zettel daneben.

„Danke. Deine Pflanze lebt noch. Habe sie gegossen. Steht am Fenster. – M2“

Jonas lächelte. Das war … seltsam. Fürsorglich. Sie kümmerten sich umeinander. Um die Leben des anderen.

Die Notizen wurden häufiger.

„Anna fragt nach dem Projektbericht. Deadline ist Freitag. Datei ist in der Cloud unter 'Oktober-Reports'.“

„Deine Mutter will nächste Woche zum Kaffee kommen. Habe zugesagt. Sorry.“

„Mia mag keine Rosen. Nimm Tulpen. Gelbe.“

„Die Heizung in deiner Wohnung macht Geräusche. Habe den Vermieter angerufen. Kommt Montag.“

Kleine Dinge. Praktische Dinge. Aber sie summierten sich zu etwas Größerem.

Sie lebten nicht nur die Leben des anderen. Sie begannen, sich um diese Leben zu kümmern.

Am zwölften Tag kam die erste längere Nachricht.

Jonas fand sie in sein Notebook, in einem neuen Dokument mit dem Titel „LIES MICH“.

M1,

Ich weiß, du denkst, mein Leben ist besser. Erfolgreicher. Glücklicher. 
Und vielleicht ist es das. Oberflächlich.

Aber es ist auch anstrengend. Das Team verlässt sich auf mich.
Mia erwartet, dass ich präsent bin, emotional verfügbar.
Ihre Eltern erwarten, dass ich Pläne habe, Zukunftsvisionen.

Ich habe das alles aufgebaut, weil ich dachte, es würde mich glücklich machen.
Die Beförderung. Die Beziehung. Das „erfolgreiche“ Leben.

Aber weißt du, was das Lustige ist? Ich bin nicht glücklicher.
Ich bin nur anders beschäftigt. Anders abgelenkt.

Dein Leben ist einsam. Meins ist überfüllt. Aber beide sind wir auf der Flucht vor derselben Sache.

Ich weiß nur nicht, was diese Sache ist.

– M2

P.S. Ich habe Vaters Gitarre hier. In Helix-1. Verstaubt, ungestimmt. 
Sollte ich spielen lernen? Für wenn ich  zurückkomme.
Für Mia. Für Emma, vielleicht.

Jonas starrte auf den Text. Las ihn noch einmal. Noch einmal.

M2 war nicht glücklich. Trotz allem. Trotz Mia, trotz der Beförderung, trotz des »besseren« Lebens.

Er öffnete ein neues Dokument, begann zu tippen.

M2,

Du hast recht. Ich dachte, dein Leben wäre besser. Ich war neidisch. 
Wütend. Ich dachte, du hättest alles, was ich weggeworfen habe.

Aber jetzt, wo ich hier bin, verstehe ich es. Es ist nicht besser.
Es ist nur anders. Andere Probleme. Andere Ängste.

Du fragst, wovor wir weglaufen. Ich glaube, ich weiß es.

Wir laufen vor der Verantwortung weg. Vor der Entscheidung. 
Vor dem Commitment.

Ich habe Mia gehen lassen, weil ich Angst hatte, sie zu bitten zu bleiben.
Angst, dass ich nicht genug wäre. Angst vor dem Versagen.

Du hast sie gebeten zu bleiben, aber du hältst sie auf Distanz. 
Emotional. Du gibst ihr nicht alles, weil du Angst hast, alles zu verlieren.

Wir sind beide Feiglinge. Nur auf unterschiedliche Weise.

Zur Gitarre: Lern spielen. Vater hätte das gewollt. Und vielleicht … 
vielleicht ist es Zeit, dass wir aufhören, nur seine Uhr zu tragen und anfangen, wirklich zu leben.

– M1

P.S. Wie kommen wir hier raus?

Er speicherte das Dokument, schloss das Notebook.

Am nächsten Morgen war eine Antwort da.

M1,

Du hast recht. Mit allem.

Ich habe heute mit Mia geredet. Wirklich geredet.
Über Kinder, über Ängste, über die Zukunft. Es war schwer. Aber gut.

Sie hat gesagt, sie will nicht, dass ich perfekt bin.
Sie will nur, dass ich ehrlich bin.

Ich versuche es. Ehrlich zu sein. Auch wenn es Angst macht.

Zum Rauskommen: Ich habe eine Theorie. Die Verschränkung wurde stärker, je mehr wir gesprungen sind.
Je mehr wir versucht haben, zwei Leben gleichzeitig zu leben.

Vielleicht löst sie sich, wenn wir aufhören zu kämpfen.
Wenn wir akzeptieren, wo wir sind. Wenn wir uns committen.

Ich weiß nicht, ob das funktioniert. Aber ich spüre manchmal das Flackern wieder.
Ganz schwach. Als würde die Verschränkung sich lockern.

Spürst du es auch?

– M2

Jonas schloss die Augen. Konzentrierte sich.

Ja. Da war etwas. Ein leichtes Ziehen. Nicht stark genug zum Springen, aber … präsent.

Er tippte: „Ja. Ich spüre es.“

Die Notizen wurden persönlicher.

Erinnerst du dich an Vaters Beerdigung? Wie Mutter gesagt hat, er hätte keine Angst gehabt?
Vor dem Tod? Ich habe ihr nicht geglaubt. Aber jetzt … vielleicht hatte er wirklich keine Angst.
Vielleicht hat er einfach gelebt, ohne ständig über Alternativen nachzudenken.
Mia hat heute geweint. Nicht wegen mir. Wegen ihrer Arbeit.
Ein Gemälde, das sie nicht retten konnte. Zu beschädigt.
Sie hat gesagt, manche Dinge kann man nicht reparieren.
Man kann nur akzeptieren, dass sie kaputt sind.
Ich glaube, sie hat nicht nur über das Gemälde geredet.

Jonas las jede Notiz, mehrmals. Es fühlte sich an wie … ein Dialog mit sich selbst. Aber nicht mit sich selbst. Mit jemandem, der ihn verstand, weil er er war, aber auch nicht war.

Er schrieb zurück, immer.

Am fünfzehnten Tag bemerkte Jonas etwas Seltsames.

Er stand in der Küche, machte Kaffee. Zwei Löffel Zucker. Ein Schuss Milch. Er rührte um, trank.

Dann hielt er inne.

Er trank seinen Kaffee schwarz. Immer. Seit Jahren. Aber das hier schmeckte … richtig. Vertraut.

Das war M2s Kaffee. M2s Geschmack.

Jonas stellte die Tasse ab. Seine Hand zitterte leicht. Wann hatte er aufgehört, seinen eigenen Kaffee zu trinken?

Er griff nach seinem Handy.

„Trinkst du deinen Kaffee noch schwarz?“

Die Antwort kam nach Minuten: „Nein. Seit ein paar Tagen nehme ich Zucker. Keine Ahnung warum. Schmeckt einfach … richtig.“

„Ich trinke meinen mit Milch und Zucker. Seit heute.“

„Scheiße.“

„Ja.“

„Wir übernehmen die Gewohnheiten des anderen.“

„Nicht nur Gewohnheiten. Erinnerungen. Gedanken. Geschmack.“

„Wir verschmelzen.“

Jonas starrte auf die Nachricht. Das Wort hing schwer in der Luft.

Verschmelzen.

„Wo endet das?“ schrieb er.

„Ich weiß nicht. Vielleicht hören wir auf zu existieren. Als getrennte Menschen.“

„Und dann?“

„Dann gibt es nur noch … einen. Weder du noch ich. Sondern etwas Neues.“

Jonas lehnte sich gegen die Küchentheke. Seine Hände zitterten.

„Ich will nicht aufhören zu existieren.“

„Ich auch nicht.“

„Aber wie stoppen wir es?“

Keine Antwort kam. Lange Zeit.

Dann: „Vielleicht können wir es nicht stoppen. Vielleicht ist das der Preis. Für das Springen. Für das Spielen mit Realitäten.“

Jonas schloss die Augen.

Am siebzehnten Tag fand Jonas eine Notiz, die anders war.

Nicht auf Papier. Nicht digital. Sondern … gekritzelt auf den Badezimmerspiegel, mit Zahnpasta.

„Ich glaube, wir werden eins.“

Jonas Blick verlor sich in den Worten. Sein Puls beschleunigte.

Er wischte sie weg, schrieb mit zitternden Fingern zurück:

„Was meinst du?“

Am nächsten Morgen war die Antwort da:

„Ich denke deine Gedanken. Oder du denkst meine. Ich weiß nicht mehr, welche von mir sind. Gestern habe ich Kaffee gemacht, wie du ihn magst. Nicht wie ich ihn mag. Ich habe es erst gemerkt, als ich ihn getrunken habe.“

Er schrieb: „Ich habe gestern mit Mia geredet, und ich wusste Dinge, die ich nicht wissen sollte. Erinnerungen, die nicht meine sind. Ihr erster Kuss. Ihre Lieblingsband. Dinge, die du weißt, nicht ich.“

„Scheiße.“

„Ja.“

„Gibt es noch einen Weg zurück?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wer sind wir dann? Du? Ich? Beide? Keiner?“

Jonas hatte keine Antwort. Er wischte die Worte weg, starrte in den Spiegel.

Sein Gesicht sah zurück. Aber wessen Gesicht war es?

Seins? M2s?

Gab es noch einen Unterschied?

An diesem Abend saß Jonas auf der Couch, Notebook auf den Knien. Mia war bei einer Freundin. Er war allein.

Er öffnete ein neues Dokument. Schrieb:

M2,

Ich habe Angst.

Nicht vor dem Feststecken. Nicht vor den Konsequenzen.

Ich habe Angst, dass ich aufhöre zu existieren.
Dass wir beide aufhören zu existieren.
Dass etwas Neues entsteht, das weder du noch ich ist.

Ich habe Angst, dass ich vergesse, wer ich war.
Wer ich sein wollte.

Ich habe Angst, dass das alles – die Entdeckung, das Springen, die zwei Leben – nur eine Flucht war.
Eine weitere Möglichkeit, mich nicht entscheiden zu müssen.

Aber jetzt muss ich mich entscheiden. Wir müssen uns entscheiden.

Wer wollen wir sein?

– M1

Er wartete. Eine Stunde. Zwei Stunden.

Dann erschien die Antwort, im selben Dokument, als würde jemand in Echtzeit tippen.

M1,

Ich habe auch Angst.

Aber vielleicht … vielleicht ist das okay. Angst zu haben.

Vater hatte Angst, aber er lebte trotzdem.
Mia hat Angst vor der Zukunft, aber sie bleibt trotzdem.
Anna hat Angst vor Fehlern, aber sie trifft trotzdem Entscheidungen.

Vielleicht ist das Leben. Angst haben, aber trotzdem da sein.

Ich weiß nicht, wer wir sein werden.
Aber ich weiß, wer ich nicht mehr sein will.

Ich will nicht mehr weglaufen. Nicht mehr springen.
Nicht mehr zwei Leben leben, weil ich Angst habe, mich für eins zu entscheiden.

Ich will hier sein. Wo immer »hier« ist.

Und ich glaube … ich glaube, das Flackern wird stärker, weil wir bereit sind.
Bereit, uns zu entscheiden.

Spürst du es?

– M2

Jonas schloss die Augen. Konzentrierte sich.

Ja. Das Flackern war da. Stärker als gestern. Stärker als vor einer Stunde.

Nicht schmerzhaft. Nicht beängstigend. Sondern … einladend. Wie eine offene Tür.

Er könnte springen. Jetzt. Zurück nach Helix-1.

Aber wollte er das?

Jonas öffnete die Augen, sah sich in der Wohnung um. Mias Jacke über dem Stuhl. Die restaurierte Gitarre an der Wand. Das Foto auf dem Regal.

Ein Leben. Nicht perfekt. Aber real.

Er tippte:

Ich spüre es.

Aber ich springe nicht.

Nicht heute.

Vielleicht morgen. Vielleicht nie.

Aber heute bleibe ich hier.

– M1

Die Antwort kam sofort:

Ich auch.

Ich bleibe auch.

– M2

Jonas lehnte sich zurück. Schloss das Notebook.

Das Flackern war noch da, leise, im Hintergrund. Aber zum ersten Mal seit Tagen fühlte es sich nicht wie eine Fluchtmöglichkeit an. Sondern wie eine Erinnerung.

Eine Erinnerung daran, dass es Alternativen gab. Aber dass er sich entschieden hatte.

Hier zu sein.

Jetzt.

VIII

Es begann mit der Gitarre.

Jonas sprang nach Helix-1 – nur für einen Moment, um zu sehen, wie M2 sein Leben reparierte.

Das Flackern war zurückgekommen. Schwach, aber nutzbar. Seit ein paar Tagen. Kurze Sprünge waren wieder möglich.

Der Sprung kam, mühsam, schmerzhaft.

Helix-1. Seine Wohnung.

Er ging zur Ecke, wo Vaters Gitarre immer gestanden hatte. Verstaubt. Ungestimmt. Seit Jahren unberührt.

Seine Gitarre. Die originale. Die, die Vater ihm hinterlassen hatte.

Und nun: Weg.

Nur ein Staubkreis auf dem Boden. Die Form der Gitarre, abgezeichnet im Dreck.

Jonas stand vor der leeren Stelle, unfähig sich zu bewegen. Sein Herz begann zu hämmern.

Er griff nach seinem Handy, tippte mit zitternden Fingern:

„Wo ist die Gitarre?“

Die Antwort kam nach fünf Minuten: „Verkauft.“

Das Wort brannte sich in sein Gedächtnis. Las es noch einmal. Noch einmal.

„WAS?“

„Ich habe sie verkauft. Auf eBay. Für 800 Euro.“

„DAS WAR VATERS GITARRE.“

„Ich weiß. Aber ich brauche das Geld. Deine Wohnung ist ein Geldgrab. Heizung kaputt, Waschmaschine kaputt, der Vermieter will eine Nachzahlung. Ich musste Prioritäten setzen.“

„DAS WAR NICHT DEINE ENTSCHEIDUNG.“

„Doch. War es. Ich lebe in deinem Leben. Ich treffe die Entscheidungen. Und du? Du hast in meinem Bett geschlafen. Mit meiner Mia.“

Jonas' Hände ballten sich zu Fäusten. Die Wut, die in ihm hochkochte, war physisch, überwältigend. Er wollte etwas schlagen, zerstören, schreien.

Stattdessen tippte er: „Du hättest mich fragen können.“

„Wie du mich gefragt hast, bevor du mit meiner Mia geschlafen hast?“

Die Worte trafen ihn wie ein Schlag.

„Ich habe nicht—“

„Lüg mich nicht an. Ich spüre es. Die Erinnerungen übertragen sich, weißt du noch? Ich weiß, was du getan hast. In meinem Bett. Mit meiner Freundin.“

Jonas schloss die Augen. Es stimmte. Vor einer Woche. Mia hatte ihn geküsst, und er hatte nicht aufgehört. Hatte sich gesagt, es sei okay, es sei auch sein Leben, auch seine Mia.

Aber das war eine Lüge gewesen.

„Es tut mir leid“, tippte er.

„Zu spät. Die Gitarre ist weg. Wir sind quitt.“

Jonas las die Worte noch einmal. Dann, langsam, tippte er:

„Nein. Sind wir nicht.“

Tag 19

Jonas kam ins Büro – Helix-2 – und fand sein Computer-Passwort geändert. Alle Dateien verschlüsselt. Eine Notiz auf dem Bildschirm:

„Viel Spaß beim Erklären, warum du nicht arbeiten kannst. – M2“

Jonas verbrachte drei Stunden mit der IT, erfand eine Geschichte über einen Hack, ließ alles zurücksetzen.

Am Abend änderte er M2s Passwörter. Alle. Email, Cloud, Banking.

Hinterließ eine Nachricht: „Zwei können dieses Spiel spielen.“

Tag 20

Jonas wachte auf und fand eine SMS von Mias Mutter: »Ich verstehe nicht, warum du abgesagt hast. Mia ist sehr verletzt.«

Abgesagt? Was hatte M2 getan?

Er rief Mia an. Sie ging nicht ran.

Er schrieb M2: „Was hast du getan?“

„Deine Mia hat angerufen. Aus London. Wollte reden. Ich habe ihr gesagt, dass du weitermachen willst. Ohne sie. Dass du jemand anderen getroffen hast.“

„DAS IST NICHT WAHR.“

„Doch. Ist es. Du hast meine Mia. Ich habe deine zerstört. Fair.“

Jonas schleuderte das Handy gegen die Wand. Es knallte gegen den Putz, fiel zu Boden.

Er rief Mia an – Helix-1-Mia, in London. Sie ging ran, aber ihre Stimme war kalt.

»Was willst du, Jonas?«

»Ich … das war nicht ich. Am Telefon. Das war—« Er stockte. Was sollte er sagen? Die Wahrheit? Unmöglich.

»Das warst du. Deine Stimme. Deine Worte.« Sie atmete zitternd. »Ich dachte, wir hätten eine Chance. Ich dachte, vielleicht, wenn ich zurückkomme … aber du hast schon weitergelebt. Ohne mich.«

»Mia, bitte—«

»Lass mich in Ruhe, Jonas.«

Sie legte auf.

Jonas saß auf dem Boden, das zerbrochene Handy in der Hand.

Mias Stimme hallte noch in seinem Kopf. Kalt. Endgültig.

Er hatte sie verloren. Beide Mias. In beiden Welten.

M2 hatte recht gehabt. Das war fair. Jonas hatte seine Mia genommen. M2 hatte seine zerstört.

Gleichgewicht.

Aber es fühlte sich nicht wie Gleichgewicht an. Es fühlte sich an wie … Selbstzerstörung.

Jonas lehnte seinen Kopf gegen die Wand. Schloss die Augen.

Was hatten sie getan?

Tag 21

Jonas öffnete seine Email – Helix-2 – und fand eine Nachricht vom Vermieter.

„Kündigungsbestätigung. Auszug in vier Wochen.“

M2 hatte seine Wohnung gekündigt. Unterschrieben, bezahlt, erledigt.

Er schrieb: „Wo soll ich wohnen?“

„Nicht mein Problem. Du hast mein Leben. Ich habe deins zerstört. Gleichgewicht.“

Jonas stand auf, ging zur Küche. Öffnete das Notebook. Fand M2s Arbeitsdateien.

Löschte alles. Systematisch. Projektberichte, Präsentationen, Datenanalysen. Jahre von Arbeit.

Leerte den Papierkorb.

Schrieb: „Gleichgewicht.“

Tag 22

Jonas kam nach Hause – Helix-2 – und Mia war nicht da.

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel:

„Ich bin bei meinen Eltern. Ich brauche Zeit. Du bist nicht du selbst, Jonas. Ich weiß nicht, wer du bist, aber du bist nicht der Mann, den ich liebe. Ruf mich nicht an.“

Jonas las den Zettel noch einmal. Noch einmal.

Er ging durchs Wohnzimmer. Mias Jacke war weg. Ihre Schuhe. Die Zahnbürste im Bad.

Sie hatte nicht nur Zeit gebraucht. Sie war gegangen. Wirklich gegangen.

Genau wie in Helix-1.

Weg. Wegen ihm. Wegen M2. Wegen ihnen beiden.

Er schrieb M2: „Mia ist weg.“

„Ich weiß. Deine auch. Beide Mias. Weg. Glückwunsch.“

„Das wolltest du?“

„Ich wollte, dass du aufhörst, mein Leben zu stehlen. Aber jetzt … jetzt haben wir beide nichts mehr.“

Jonas setzte sich auf die Couch. Die Wohnung war still. Leer. Leblos.

Er hatte gedacht, M2s Leben wäre besser. Voller. Glücklicher.

Jetzt war es genauso leer wie seins.

Nein. Leerer. Weil er es zerstört hatte.

Tag 23

Die Notizen wurden kürzer. Bitterer.

Jonas sprang nach Helix-1. Nur für einen Moment. Er wollte sehen, was M2 getan hatte. Wollte das Ausmaß verstehen.

Die Wohnung war … leer. Nicht nur aufgeräumt. Leer.

Die Bücher: weg. Vaters alte Schallplatten: weg. Die Fotos von der Wand: weg.

Nur die Möbel waren noch da. Und die Pflanze. Die grüne, lebendige Pflanze.

Jonas stand im Wohnzimmer und fühlte … nichts.

M2 hatte seine Vergangenheit gelöscht. Systematisch.

Und Jonas? Jonas hatte M2s Zukunft zerstört.

Gleichgewicht.

Er sprang zurück. Schrieb:

„Habe deine Mutter angerufen. Ihr gesagt, dass du sie hasst. Sie hat geweint.“

„Habe Anna erzählt, dass du kündigst. Sie war enttäuscht.“

„Habe alle deine Bücher in den Müll geworfen. Auch die von Vater.“

„Habe dein Bankkonto geleert. Alles gespendet. An eine Stiftung für Waisenkinder. Vater hätte das lustig gefunden.“

Jonas las die Nachrichten und fühlte … nichts mehr.

Keine Wut. Keine Trauer. Nur Leere.

Sie zerstörten sich gegenseitig. Systematisch. Gründlich.

Und wofür?

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie es angefangen hatte. Die Gitarre? Mias Anruf? Etwas davor?

Es spielte keine Rolle mehr.

Tag 24

Jonas saß auf der Couch, starrte an die Decke. Hatte seit zwei Tagen nicht gegessen. Nicht geschlafen. Nicht geduscht.

Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von M2.

„Ich bin müde.“

„Ich auch“, tippte er.

„Was machen wir?“

„Ich weiß nicht.“

Eine lange Pause. Dann:

„Ich glaube, wir sterben.“

Jonas runzelte die Stirn. „Was?“

„Nicht physisch. Aber … wir hören auf zu existieren. Als getrennte Menschen. Ich spüre es. Deine Gedanken sind meine Gedanken. Deine Erinnerungen sind meine Erinnerungen. Ich weiß nicht mehr, wo ich aufhöre und du anfängst.“

Jonas schloss die Augen. Es stimmte. Er spürte es auch.

Wenn er an Mia dachte, wusste er nicht mehr, welche Mia. Wenn er an Vater dachte, vermischten sich die Erinnerungen. Die Beerdigung in Helix-1. Die Gitarre in Helix-2. Alles verschwamm.

„Was passiert, wenn wir komplett verschmelzen?“ schrieb er.

„Ich weiß nicht. Vielleicht hören wir auf zu existieren. Vielleicht werden wir etwas Neues. Vielleicht …“

Die Nachricht brach ab.

Jonas wartete. Fünf Minuten. Zehn.

Dann: „Vielleicht ist das die Strafe. Für das Springen. Für das Spielen mit Leben. Wir verlieren unsere Identität.“

Jonas senkte den Blick. Dann tippte er:

„Ich will nicht aufhören zu existieren.“

„Ich auch nicht.“

„Was machen wir?“

Keine Antwort kam.

Tag 25, 3:47 Uhr morgens

Jonas' Handy klingelte. Er griff danach, halb schlafend. »Hallo?«

»Jonas?« Mias Stimme. Helix-2-Mia. Aber anders. Atemlos. Verängstigt.

»Mia? Was—«

»Ich bin im Krankenhaus.«

Jonas setzte sich auf, hellwach. »Was? Warum? Was ist passiert?«

»Ich …« Ihre Stimme brach. »Ich bin schwanger.«

Die Welt hörte auf sich zu drehen.

»Was?«

»Ich bin schwanger, Jonas. Zehn Wochen. Ich … ich wusste es nicht. Ich dachte, es wäre Stress, aber …« Sie atmete zitternd. »Ich hatte Schmerzen. Bin ins Krankenhaus gefahren. Sie haben Tests gemacht. Und …«

»Ist alles okay?« Jonas' Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren. »Mit dir? Mit dem Baby?«

»Ja. Alles okay. Aber Jonas …« Sie weinte jetzt. »Ich habe Angst. Ich weiß nicht, ob wir das schaffen. Du und ich. Wir sind so … kaputt gerade.«

Jonas stand auf, begann sich anzuziehen. »Wo bist du? Welches Krankenhaus?«

»Charité. Aber du musst nicht—«

»Ich komme. Sofort.«

Er legte auf, griff nach seiner Jacke.

Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von M2.

„Ich weiß es. Ich habe es gespürt. In dem Moment, als sie es gesagt hat.“

„Was machen wir?“ tippte er.

Die Antwort kam sofort:

„Wir hören auf zu kämpfen. Jetzt. Sofort. Es gibt ein Baby. Nichts anderes ist wichtig.“

Jonas las die Worte noch einmal.

Dann schrieb er: „Einverstanden.“

„Geh zu ihr. Sei da. Ich kümmere mich um den Rest.“

„Was ist der Rest?“

„Alles, was ich kaputt gemacht habe. Ich repariere es. So gut ich kann.“

Jonas stand in der Tür, Jacke halb angezogen, und fühlte etwas in seiner Brust aufbrechen.

„Danke“, tippte er.

„Geh. Sie braucht dich.“

Jonas rannte.

IX

Das Krankenhaus roch nach Desinfektionsmittel und Angst.

Jonas rannte durch die Eingangshalle, vorbei an der Rezeption, folgte den Schildern zur Notaufnahme. Sein Atem ging schwer, sein Herz hämmerte.

Ein Baby. Mia war schwanger.

Die Worte fühlten sich unwirklich an, zu groß, um sie zu begreifen.

Er fand sie in einem kleinen Untersuchungsraum, auf einer Liege sitzend, Beine angezogen, Arme um sich geschlungen. Sie sah klein aus. Verletzlich. Ihre Augen waren rot vom Weinen.

»Mia.«

Sie sah auf. Für einen Moment war da Erleichterung in ihrem Gesicht. Dann verhärtete es sich wieder.

»Du bist gekommen.«

»Natürlich bin ich gekommen.« Jonas trat näher, blieb dann stehen, unsicher. Durfte er sie berühren? Nach allem, was passiert war?

Mia machte die Entscheidung für ihn. Stand auf, trat zu ihm, lehnte ihre Stirn gegen seine Brust. Nicht umarmend. Nur … da.

Jonas legte vorsichtig seine Arme um sie. Sie zitterte.

»Ich habe Angst«, flüsterte sie.

»Ich auch.«

Sie lachte, ein kurzes, bitteres Geräusch. »Du bist immer ehrlich, wenn es zu spät ist.«

»Es ist nicht zu spät.«

»Ist es nicht?« Sie löste sich von ihm, sah ihn an. »Jonas, wir haben uns in den letzten Wochen auseinandergelebt. Du warst nicht du selbst. Ich war nicht ich selbst. Wir haben uns angeschrien, sind uns aus dem Weg gegangen. Und jetzt … jetzt gibt es ein Baby.«

Jonas schluckte. »Wie lange weißt du es?«

»Seit heute Nacht. Ich dachte, es wäre eine Magenverstimmung. Die Schmerzen. Aber dann …« Sie setzte sich wieder auf die Liege. »Die Ärztin hat einen Ultraschall gemacht. Und da war es. Klein. Winzig. Aber da.«

»Kann ich …« Jonas stockte. »Kann ich es sehen?«

Mia griff nach einem Ausdruck auf dem Nachttisch. Reichte ihm das Ultraschallbild.

Jonas nahm es mit zitternden Händen. Starrte auf das verschwommene Schwarz-Weiß-Bild. Versuchte, etwas zu erkennen. Da – eine kleine Form. Kaum größer als eine Bohne.

Sein Kind.

Nein. Nicht seins.

»Zehn Wochen«, sagte Mia leise. »Das bedeutet … erinnerst du dich? Anfang August. Dein Geburtstag.«

Jonas rechnete schnell. Zehn Wochen zurück. Anfang August. Sein erster Sprung war am 17. Oktober gewesen. Vor sechs Wochen.

Das Baby war davor gezeugt worden. Vor der Entdeckung. Vor Helix-2. Vor allem.

Das war M2s Kind. Biologisch. Eindeutig.

M2 hatte mit Mia geschlafen. M2 hatte dieses Leben gelebt. M2 hatte die Entscheidung getroffen, die zu diesem Moment geführt hatte.

Jonas war nur … der Eindringling. Der Dieb. Der Mann, der die Konsequenzen eines anderen lebte.

Aber die Erinnerung war da. Verschwommen, wie durch Nebel, aber da. Mias Lachen. Wein. Kerzen. Das Bett. Ihre Haut warm gegen seine. Der Moment, in dem—

Nein. Das war nicht seine Erinnerung. Das war M2s Erinnerung. Übertragen. Durchgesickert durch die Verschränkung.

Jonas spürte einen Stich in seiner Brust. Eifersucht? Trauer? Er wusste es nicht.

Das war M2s Kind. M2s Leben. M2s Mia.

Und Jonas hatte es gestohlen.

»Jonas?« Mias Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Erinnerst du dich?«

Er sah sie an. Ihre Augen, hoffnungsvoll, ängstlich. Sie wollte, dass er sich erinnerte. Dass dieser Moment ihnen gehörte. Beiden.

Aber er gehörte ihr und M2. Nicht ihm.

Jonas könnte die Wahrheit sagen. Jetzt. »Nein, ich erinnere mich nicht. Das war nicht ich. Das war jemand anders in meinem Körper.«

Aber was würde das ändern? Außer ihr Herz zu brechen?

»Ja«, sagte er leise. »Ich erinnere mich.«

Die Lüge schmeckte bitter auf seiner Zunge.

Mia lächelte, erleichtert. »Es war ein schöner Abend.«

»Ja.«

»Und jetzt …« Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. »Jetzt ist da ein Baby. Unser Baby.«

Unser Baby.

Jonas sah auf das Ultraschallbild. Die kleine Form. Das Leben, das M2 erschaffen hatte.

Aber M2 war nicht hier. Jonas war hier. Jonas würde die Windeln wechseln, die Nächte durchwachen, die ersten Schritte sehen.

Biologisch war es M2s Kind.

Aber wer würde der Vater sein?

Jonas schloss die Augen. Dachte an seinen eigenen Vater. An die Uhr, die bei 14:37 stehengeblieben war. An die Gitarre, die er nie spielen gelernt hatte.

Sein Vater hatte ihn nicht gezeugt, um Vater zu sein. Er war Vater geworden, indem er da war. Präsent. Jeden Tag.

Vielleicht war Vaterschaft keine Frage der Biologie. Sondern der Entscheidung.

M2 hatte das Kind gezeugt.

Aber Jonas würde es großziehen.

Und vielleicht … vielleicht machte das sie beide zu Vätern. Auf unterschiedliche Weise.

Jonas öffnete die Augen. Sah auf das Ultraschallbild.

»Unser Baby«, wiederholte er. Und diesmal meinte er es.

Nicht weil er es gezeugt hatte. Sondern weil er sich entschied, da zu sein.

»Ich werde ein guter Vater sein«, sagte er. »Ich verspreche es.«

Mia nahm seine Hand. »Ich weiß.«

Aber Jonas dachte: Ich verspreche es nicht nur dir. Ich verspreche es auch M2.

Ich werde für dein Kind da sein. Weil du es nicht sein kannst.

Weil wir beide es sind. Irgendwie.

Mia sah ihn lange an. »Manchmal glaube ich dir nicht. Wenn du sagst, du erinnerst dich. Es fühlt sich an, als würdest du raten. Als würdest du eine Rolle spielen.«

Jonas' Herz verkrampfte sich. Sie wusste es. Nicht die Details, nicht die Wahrheit, aber sie spürte es.

»Ich …« Er setzte sich neben sie. »Du hast recht. Ich war nicht ganz da. In den letzten Wochen. Ich war … woanders. In meinem Kopf. In meinen Ängsten.«

»Wovor hast du Angst?«

»Vor allem.« Die Worte kamen, bevor er sie stoppen konnte. »Vor Versagen. Vor Verantwortung. Vor der Zukunft. Vor … vor dem Vater-Sein.«

Mia nahm seine Hand. »Ich auch.«

»Du?«

»Natürlich. Denkst du, ich habe keine Angst?« Sie lachte, tränenerstickt. »Ich habe Angst, Jonas. Ich weiß nicht, wie man ein Kind großzieht. Ich weiß nicht, ob ich eine gute Mutter bin. Ich weiß nicht, ob wir das schaffen.«

»Aber du willst es? Das Baby?«

Mia schwieg einen langen Moment. Dann: »Ja. Ich will es. Auch wenn ich Angst habe. Auch wenn alles unsicher ist.« Sie sah ihn an. »Und du?«

Jonas sah auf das Ultraschallbild in seiner Hand. Die kleine Form. Das Potential eines Menschen. Eines Lebens.

Er dachte an seinen Vater. An die Uhr, die bei 14:37 stehengeblieben war. An die Gitarre, die er nie spielen gelernt hatte. An all die Dinge, die sein Vater nicht mehr tun konnte, weil die Zeit aufgehört hatte.

Hier war Zeit. Hier war Zukunft. Hier war Leben, das noch nicht gelebt worden war.

»Ja«, sagte er. »Ich will es.«

Mia begann zu weinen. Richtig zu weinen, diesmal. Jonas zog sie an sich, hielt sie fest.

»Wir schaffen das«, flüsterte er. »Ich weiß nicht wie. Aber wir schaffen das.«

»Versprichst du das?«

»Ja.«

»Auch wenn es schwer wird?«

»Besonders dann.«

Mia lehnte sich an ihn, und sie saßen so, lange, während um sie herum das Krankenhaus lebte. Schritte im Flur. Stimmen. Das Piepen von Maschinen. Leben und Tod, so nah beieinander.

Jonas' Handy vibrierte. Er zog es aus der Tasche, vorsichtig, um Mia nicht zu stören.

Eine Nachricht von M2.

„Wie geht es ihr?“

„Gut. Dem Baby auch.“

„Gut.“

Eine Pause. Dann:

»Ich habe mit deiner Mia gesprochen. In London. Habe versucht, es zu erklären. Nicht alles. Aber genug. Dass du verwirrt warst. Dass du Fehler gemacht hast. Dass du es bereust.«

„Was hat sie gesagt?“

„Dass sie Zeit braucht. Aber sie hat nicht aufgelegt. Das ist etwas.“

Jonas schloss die Augen. „Danke.“

„Ich habe auch mit Anna gesprochen. Und mit deiner Mutter. Versuche, die Scherben aufzusammeln.“

„Ich auch. Hier.“

„Wir sind ein gutes Team. Wenn wir nicht gerade versuchen, uns gegenseitig zu zerstören.“

Jonas lächelte, trotz allem. „Ja.“

„Das Baby … es ist echt, oder? Es ist nicht nur in einer Welt. Es ist in beiden.“

Jonas sah auf Mia, die gegen ihn gelehnt schlief, erschöpft. Dann auf das Ultraschallbild.

„Ja. Es ist in beiden.“

„Dann müssen wir beide dafür sorgen, dass es eine Welt hat, in die es geboren werden kann. Eine, die nicht kaputt ist.“

„Einverstanden.“

„Geh nach Hause. Lass sie schlafen. Ich kümmere mich um den Rest.“

„Was ist der Rest?“

„Alles. Die Wohnung. Die Arbeit. Die Beziehungen. Alles, was wir kaputt gemacht haben. Ich repariere es. Du bleibst bei Mia. Das ist wichtiger.“

„Warum?“

„Weil das Baby in deiner Welt ist. In Helix-2. Ich bin in Helix-1. Ich kann die Grundlage reparieren. Du musst die Zukunft bauen.“

„Das ist nicht fair. Du machst die ganze Arbeit.“

„Nein. Du machst die schwerere Arbeit. Du musst Vater werden. Ich muss nur Rechnungen bezahlen und Entschuldigungen aussprechen.“

Jonas lächelte. „Danke.“

„Hör auf, dich zu bedanken. Wir sind dasselbe. Wenn ich dir helfe, helfe ich mir.“

„Sind wir das? Dasselbe?“

Eine lange Pause.

„Ich weiß nicht mehr. Aber vielleicht ist das okay. Vielleicht müssen wir nicht wissen, wo du aufhörst und ich anfange. Vielleicht müssen wir nur … da sein. Für das, was kommt.“

Jonas las die Worte noch einmal. Dann schrieb er:

„Ich spüre das Flackern. Stärker als je zuvor. Ich könnte springen. Zurück nach Helix-1.“

„Ich auch. Ich könnte zurück nach Helix-2.“

„Aber?“

„Aber ich will nicht. Nicht jetzt. Vielleicht später. Vielleicht nie. Aber jetzt … jetzt bin ich hier. Und du bist dort. Und das ist okay.“

Jonas sah auf Mia. Auf das Ultraschallbild. Auf die Zukunft, die in seinen Händen lag.

„Ja“, schrieb er. „Das ist okay.“

Eine Ärztin kam herein, jung, müde, aber lächelnd.

»Frau Bergmann? Sie können nach Hause. Alles ist in Ordnung. Aber Sie sollten sich ausruhen. Und nächste Woche einen Termin bei Ihrem Gynäkologen machen.«

Mia nickte, halb schlafend.

Jonas half ihr auf, stützte sie. Sie lehnte sich schwer gegen ihn.

»Kommst du mit nach Hause?« fragte sie leise.

»Ja.«

»Bleibst du?«

»Ja.«

»Auch morgen?«

»Auch morgen.«

»Und übermorgen?«

Jonas hielt sie fest. »So lange du mich haben willst.«

Mia sah zu ihm hoch. »Das könnte sehr lange sein.«

»Gut.«

Sie gingen langsam durch die Flure, vorbei an anderen Patienten, anderen Leben, anderen Geschichten. Jonas hielt Mia fest, und zum ersten Mal seit Wochen fühlte er sich … geerdet. Präsent. Hier.

Draußen war es noch dunkel. Die Straßen leer. Berlin schlief.

Sie nahmen ein Taxi. Mia schlief auf Jonas' Schulter ein. Er sah aus dem Fenster, beobachtete die Stadt vorbeiziehen.

Sein Handy vibrierte. Eine letzte Nachricht von M2.

»Ich glaube, wir haben es geschafft.«

»Was?«

»Uns entschieden. Wir haben aufgehört zu springen. Aufgehört zu kämpfen. Wir haben uns entschieden, wo wir sein wollen.«

»Und wo ist das?«

»Hier. Jetzt. In dem Leben, das wir haben. Nicht in dem, das wir hätten haben können.«

Jonas lächelte. »Ja.«

»Das Baby wird in sechs Monaten geboren. Bist du bereit?«

»Nein.«

»Ich auch nicht. Aber wir machen es trotzdem.«

»Ja. Wir machen es trotzdem.«

Das Taxi hielt vor der Wohnung. Jonas half Mia hinaus, die Treppen hoch, in die Wohnung.

Sie gingen direkt ins Schlafzimmer. Mia zog sich aus, kroch unter die Decke. Jonas legte sich neben sie, voll angezogen, zu müde, um sich umzuziehen.

Mia drehte sich zu ihm, legte eine Hand auf seine Brust.

»Jonas?«

»Ja?«

»Ich liebe dich. Auch wenn ich manchmal nicht verstehe, wer du bist.«

Jonas' Herz zog sich zusammen. »Ich liebe dich auch.«

»Wer bist du? Wirklich?«

Jonas dachte nach. Eine lange Zeit. Dann:

»Ich bin jemand, der lernt, hier zu sein. Jemand, der aufhört wegzulaufen. Jemand, der Vater werden will, auch wenn er Angst hat.«

Mia sah ihn lange an. Ihre Augen suchten sein Gesicht, als würde sie nach etwas suchen. Nach dem Jonas, den sie kannte.

»Das ist keine Antwort«, sagte sie schließlich.

»Ich weiß.«

»Aber es ist die einzige, die du mir geben kannst.«

»Ja.«

Sie schwieg. Dann: »Okay. Dann ist das genug.« Sie nahm seine Hand. »Sei einfach hier. Das ist alles, was ich will.«

»Ich bin hier«, sagte Jonas.

Aber die Lüge lag zwischen ihnen. Klein. Aber wachsend.

Sie schlief ein.

Jonas lag wach, starrte an die Decke. Das Flackern war noch da, leise, im Hintergrund. Die Möglichkeit zu springen. Zurückzukehren. Zu fliehen.

Aber er bewegte sich nicht.

Er war hier. Jetzt. Mit Mia. Mit dem Baby, das in sechs Monaten geboren werden würde.

Das war genug.

Das war alles.

X

Monat 4 – Januar

Das erste Mal klappte es noch.

Jonas – M1 – stand in der Wohnung, Helix-2, und konzentrierte sich. Der Ultraschalltermin war in zwei Stunden. Der wichtige. Der, bei dem sie das Geschlecht erfahren würden.

Aber das sollte nicht er sein. Das sollte M2 sein. Der echte Partner. Der, der die letzten drei Jahre mit Mia gelebt hatte. Der, der das Baby gezeugt hatte.

Jonas schloss die Augen. Suchte nach dem Flackern.

Es kam, schwächer als früher, aber noch da. Der Geschmack von Kupfer. Das Ziehen.

Er ließ los.

Drei Sekunden.

Dann: Helix-1. Seine alte Wohnung. Kalt, aber aufgeräumter als früher. M2 hatte geputzt, repariert, gelebt.

Sein Handy vibrierte sofort. M2.

„Danke. Bin in 10 Min beim Termin.“

„Viel Glück.“

„Sag Bescheid, was es wird.“

„Versprochen.“

Jonas setzte sich auf die Couch – seine Couch, aber nicht seine – und wartete.

Nach zwei Stunden kam die Nachricht:

„Ein Mädchen.“

Ein Mädchen. Seine Tochter. Sein-nicht-seine Tochter.

„Wie geht es Mia?“

„Sie weint. Vor Freude. Sie will, dass wir sie Emma nennen.“

„Emma ist schön.“

„Ja.“

Eine Pause. Dann:

„Ich tausche zurück. In einer Stunde. Okay?“

„Okay.“

Eine Stunde später spürte Jonas das Flackern. Schloss die Augen. Ließ los.

Und er war zurück in Helix-2. Mia saß auf der Couch, Ultraschallbild in der Hand, Tränen auf den Wangen.

»Jonas.« Sie sah auf. »Wir bekommen eine Tochter.«

Jonas setzte sich neben sie, nahm ihre Hand. »Ich weiß. Emma.«

Mia lächelte. »Du warst so still beim Termin. Ich dachte, du wärst enttäuscht.«

»Nein. Nur … überwältigt.«

»Ich auch.«

Sie lehnte sich an ihn, und Jonas hielt sie fest. Spürte die Schuld in seiner Brust.

Das war nicht sein Moment gewesen. Das war M2s Moment gewesen.

Aber Mia wusste das nicht. Würde es nie wissen.

Monat 5 – Februar

Die nächsten Wochen verschwammen. Gelegentliche Sprünge, immer schwieriger, immer schmerzhafter. M2 besuchte Mia und Emma durch Jonas' Körper. Jonas besuchte sein altes Leben, sah zu, wie M2 es reparierte.

Die Pflanze in Helix-1 wuchs. Grün. Lebendig.

Aber das Flackern wurde schwächer.

Monat 6 – März

Der dritte Tausch war ein Notfall.

Mia hatte Wehen. Falsche Wehen, wie sich herausstellte, aber in dem Moment war Jonas – M1 – in Panik.

Er schrieb M2. „Wir müssen tauschen. Jetzt.“

„Ich versuche es.“

Sie versuchten es gleichzeitig. Jonas in Helix-2, M2 in Helix-1. Beide konzentrierten sich, suchten nach dem Flackern.

Es kam nicht.

»Scheiße«, flüsterte Jonas. Mia lag im Bett, atmete schwer, hielt ihren Bauch.

»Jonas?« Ihre Stimme war angespannt. »Rufst du den Krankenwagen?«

»Ja. Sofort.«

Er rief an. Der Krankenwagen kam. Sie fuhren ins Krankenhaus.

Die ganze Zeit über versuchte Jonas zu springen. Immer wieder. Verzweifelt.

Nichts.

Im Krankenhaus stellte die Ärztin fest: Falsche Wehen. Übungswehen. Normal im sechsten Monat.

»Alles ist okay«, sagte sie. »Aber Sie sollten sich ausruhen, Frau Bergmann.«

Mia nickte, erleichtert. Jonas hielt ihre Hand, fühlte sich wie ein Betrüger.

Das hätte M2 sein sollen. Der echte Partner.

Später, zu Hause, kam eine Nachricht.

„Ich habe es gespürt. Die Panik. Die Wehen. Aber ich konnte nicht springen. Egal wie sehr ich es versucht habe.“

„Ich auch nicht.“

„Es wird schlimmer.“

„Ja.“

„Was, wenn ich nicht dabei sein kann? Bei der Geburt?“

Das war die Frage, die er sich nicht zu stellen getraut hatte.

„Dann bin ich dabei. Und ich erzähle dir alles. Jedes Detail.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Ich weiß.“

Eine lange Pause.

„Ich habe Angst, dass ich sie nie kennenlernen werde. Meine Tochter.“

Jonas schloss die Augen. „Du wirst. Irgendwie. Wir finden einen Weg.“

„Versprichst du das?“

„Ja.“

Aber Jonas wusste nicht, ob er dieses Versprechen halten konnte.

Monat 7 & 8

Jonas ging die Treppen hoch – vier Stockwerke – und zählte nicht.

Kam oben an, und erst dann fiel ihm auf: Er hatte nicht gezählt. Zum ersten Mal seit … wann? Jahren?

Er ging zurück nach unten. Stieg wieder hoch.

Zählte nicht.

Sein Gehirn hatte aufgehört. Einfach so.

Vielleicht war das Heilung. Nicht dramatisch. Nicht plötzlich. Sondern still. Unmerklich.

Das Aufhören zu zählen.

Und genauso: der Versuch zu tauschen. Es funktionierte nicht. Das Flackern war fast verschwunden.

Stattdessen kommunizierten sie. Täglich.

M2 schickte Fragen:

„Wie fühlt sich Emma an, wenn sie tritt?“

„Singt sie dem Baby vor?“

Jonas antwortete, so detailliert er konnte. Jedes Treten. Jedes Lied. Jeder Moment.

M2 lebte die Schwangerschaft durch ihn. Und Jonas … Jonas lernte, Vater zu sein. Für beide.

M2 schickte auch Updates aus Helix-1:

„Habe mit Anna geredet. Die Kündigungssache war ein Missverständnis, habe ich gesagt. Sie war skeptisch, aber erleichtert. Dein Job ist sicher.“

„Deine Mia kommt nächsten Monat. Wir treffen uns zum Kaffee.“

„Habe angefangen, Gitarre zu lernen. Für Emma. Auch wenn ich sie nie spielen höre.“

Monat 9 – Juni

Das Flackern war fast weg.

Jonas spürte es manchmal noch, spät nachts, wenn Mia schlief. Ein schwaches Echo. Eine Erinnerung an etwas, das einmal möglich war.

Er versuchte nicht mehr zu springen. Es hatte keinen Sinn.

Stattdessen schrieb er M2:

„Ich glaube, das ist es. Wir können nicht mehr tauschen.“

„Ich weiß.“

„Du wirst nicht bei der Geburt sein können.“

„Ich weiß.“

„Es tut mir leid.“

Eine lange Pause. Dann:

„Mir auch. Aber … vielleicht ist das okay. Vielleicht war das immer der Plan. Dass einer von uns da ist. Dass einer von uns Vater wird. Und der andere … der andere lebt ein anderes Leben.“

„Welches Leben?“

„Ich weiß nicht. Aber ich finde es heraus. Deine Mia kommt morgen. Wir treffen uns zum Kaffee. Vielleicht … vielleicht gibt es auch hier eine Zukunft.“

Jonas lächelte, trotz der Traurigkeit. „Ich hoffe es.“

„Jonas?“

„Ja?“

„Wenn Emma geboren wird … halt sie für mich. Nur für einen Moment. Und sag ihr … sag ihr, dass ihr Vater sie liebt. Auch wenn er nicht da sein kann.“

Jonas' Augen brannten. „Sie hat einen Vater. Mich. Uns. Wir sind beide ihr Vater.“

„Ja. Wir sind beide ihr Vater.“

„Ich verspreche es. Ich halte sie. Für uns beide.“

„Danke.“

Jonas legte das Handy weg. Sah aus dem Fenster. Die Stadt schlief noch, aber bald würde sie erwachen.

Und dann würde Emma kommen.

XI

Die Wehen begannen um 4:23 Uhr morgens.

Jonas wachte auf von Mias Hand auf seiner Schulter. Fest. Zu fest.

»Jonas.« Ihre Stimme war ruhig, aber angespannt. »Es ist soweit.«

Er war sofort hellwach. Setzte sich auf, sah sie an. »Bist du sicher?«

»Ja. Die Wehen kommen alle zehn Minuten. Seit einer Stunde.«

»Warum hast du mich nicht früher geweckt?«

»Ich wollte sicher sein.« Sie lächelte, aber es war ein angespanntes Lächeln. »Und ich wollte dich schlafen lassen. Du wirst Energie brauchen.«

Jonas stand auf, zog sich hastig an. Seine Hände zitterten. Die Tasche. Wo war die Tasche? Sie hatten sie vor Wochen gepackt, aber jetzt, in diesem Moment, konnte er sich nicht erinnern, wo sie stand.

»Flur«, sagte Mia. »Neben der Tür.«

»Richtig.« Er fand sie, kam zurück. »Okay. Krankenhaus. Wir fahren ins Krankenhaus.«

»Jonas.« Mia hielt ihn auf. »Atme.«

Er atmete. Ein. Aus. Versuchte, sich zu beruhigen.

Mia stand auf, langsam, eine Hand auf ihrem Bauch. »Ich bin okay. Wir haben Zeit.«

Aber Jonas' Herz raste. Das war es. Emma kam. Jetzt. Heute.

Er griff nach seinem Handy, tippte schnell:

„Es geht los. Wehen. Wir fahren ins Krankenhaus.“

Er wartete nicht auf eine Antwort. Steckte das Handy ein, nahm Mias Arm.

Sie gingen langsam die Treppen hinunter. Vier Stockwerke. Mia musste zweimal anhalten, atmete durch eine Wehe.

»Tut es sehr weh?« fragte Jonas hilflos.

»Es geht.« Sie lächelte. »Ich habe Schlimmeres überlebt.«

»Was denn?«

»Dich kennenlernen.«

Jonas lachte, trotz allem. »Fair.«

Sie nahmen ein Taxi. Der Fahrer sah Mia im Rückspiegel, wurde blass. »Bitte nicht im Auto«, murmelte er.

»Wir versuchen unser Bestes«, sagte Mia trocken.

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte zwölf Minuten. Jonas zählte jede Sekunde. Mia hatte zwei weitere Wehen, atmete durch beide, ihre Hand zerquetschte seine.

Im Krankenhaus wurden sie sofort aufgenommen. Eine Hebamme – Mitte vierzig, ruhige Augen, kompetente Hände – führte sie in einen Kreißsaal.

»Wie weit sind die Wehen?« fragte sie.

»Alle sieben Minuten jetzt«, sagte Mia.

»Gut. Wir haben Zeit.« Die Hebamme – ihr Namensschild sagte »Petra« – half Mia auf das Bett. »Ich untersuche Sie kurz, okay?«

Mia nickte.

Jonas stand daneben, fühlte sich nutzlos. Was sollte er tun? Was konnte er tun?

Sein Handy vibrierte. Er zog es heraus.

„Ich bin bei dir. Auch wenn ich nicht da bin. Ich bin bei dir.“

Jonas schloss die Augen. „Ich weiß.“

„Wie geht es ihr?“

„Gut. Stark. Sie ist unglaublich.“

„Ja. Das ist sie.“

„Ich wünschte, du könntest hier sein.“

„Ich auch. Aber du bist da. Das ist genug.“

War es das? Genug?

Jonas steckte das Handy weg, trat zu Mia. Nahm ihre Hand.

»Alles okay?« fragte sie.

»Ja. Alles okay.«

Petra richtete sich auf. »Sie sind bei fünf Zentimetern. Noch ein Weg zu gehen, aber Sie machen das großartig.«

»Wie lange noch?« fragte Jonas.

»Schwer zu sagen. Vielleicht vier Stunden. Vielleicht acht. Jede Geburt ist anders.«

Acht Stunden. Jonas versuchte, sich das vorzustellen. Konnte es nicht.

Die nächsten Stunden verschwammen zu einem Nebel aus Wehen, Atmung, Warten.

Mia ging durch den Raum, hielt sich an Jonas fest, atmete durch jede Wehe. Er zählte mit ihr. Ein. Zwei. Drei. Vier. Atme aus.

Petra kam und ging, überprüfte den Fortschritt. Sechs Zentimeter. Sieben.

»Du machst das großartig«, sagte Jonas immer wieder.

»Hör auf, das zu sagen«, keuchte Mia. »Ich mache gar nichts. Mein Körper macht das.«

»Dann macht dein Körper das großartig.«

Sie lachte, kurz, dann kam die nächste Wehe.

Um 11 Uhr bat Mia um eine PDA. Die Schmerzen wurden zu viel.

Der Anästhesist kam, setzte die Spritze. Nach zwanzig Minuten entspannte sich Mias Gesicht.

»Besser?« fragte Jonas.

»Viel besser.« Sie lehnte sich zurück. »Warum habe ich nicht früher danach gefragt?«

»Weil du tough bist.«

»Ich bin nicht tough. Ich bin erschöpft.«

Jonas küsste ihre Stirn. »Du bist beides.«

Mia schloss die Augen. »Weck mich, wenn es soweit ist.«

»Versprochen.«

Jonas saß neben ihr, hielt ihre Hand. Petra überprüfte den Monitor, nickte zufrieden.

»Alles sieht gut aus. Das Baby hat einen starken Herzschlag.«

Jonas sah auf den Monitor. Die kleine Linie, die auf und ab ging. Emmas Herzschlag. Sein-nicht-sein Kind.

Nein. Sein Kind. Seins und M2s. Beider.

Er zog sein Handy heraus, schickte ein Update:

„PDA gesetzt. Mia schläft. Sieben Zentimeter. Noch ein paar Stunden.“

„Wie fühlst du dich?“

„Ich habe Angst.“

„Ich auch.“

„Was, wenn ich es vermassle? Was, wenn ich kein guter Vater bin?“

Eine lange Pause. Dann:

„Vater hatte auch Angst. Erinnerst du dich? Als wir geboren wurden. Mutter hat erzählt, dass er im Kreißsaal fast ohnmächtig geworden ist.“

Jonas lächelte. „Wirklich?“

„Ja. Aber dann hat er uns gehalten, und er hat gesagt, es war der klarste Moment seines Lebens. Alles andere fiel weg. Nur wir und er.“

„Ich vermisse ihn.“

„Ich auch.“

„Ich wünschte, er könnte Emma kennenlernen.“

„Er wird. Durch uns. Wir erzählen ihr von ihm. Von seiner Uhr. Von seiner Gitarre. Von seiner Angst und seiner Freude.“

Jonas sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. 14:37. Stehengeblieben seit achtzehn Jahren.

Aber vielleicht war das okay. Vielleicht musste Zeit nicht immer weitergehen. Vielleicht konnte sie manchmal einfach … sein.

Um 14:15 Uhr sagte Petra: »Es ist Zeit.«

Mia war wach, alert, bereit. Zehn Zentimeter. Vollständig geöffnet.

»Bei der nächsten Wehe pressen Sie, okay?« sagte Petra.

Mia nickte. Ihre Hand zerquetschte Jonas'.

Die Wehe kam. Mia presste. Ihr Gesicht wurde rot, Adern traten an ihrem Hals hervor. Sie schrie, ein tiefer, uraler Laut.

»Gut!« sagte Petra. »Sehr gut! Noch einmal!«

Wieder. Und wieder. Und wieder.

Jonas hielt ihre Hand. Oder sie hielt seine. Er wusste nicht mehr, wer wen hielt.

»Ich kann nicht mehr«, keuchte Mia.

»Doch. Du kannst. Du bist fast da.«

»Ich kann nicht—«

»Noch einmal. Ein letztes Mal. Ich bin bei dir.«

Mia presste. Ihr ganzer Körper spannte sich an, Gesicht verzerrt vor Anstrengung.

»Ich sehe den Kopf!« rief Petra. »Noch einmal, Mia!«

Mia schrie. Laut. Primal. Ein Laut, den Jonas nie von ihr gehört hatte.

Jonas hielt ihre Hand, und sie zerquetschte seine Finger. Schmerzhaft. Aber er ließ nicht los.

»Fast da«, flüsterte er. »Fast da.«

Mia presste. Ein letztes Mal. Mit allem, was sie hatte.

Und dann—

Mia sah ihn an. Ihre Augen, weit, verängstigt, erschöpft.

Dann nickte sie.

Presste.

Schrie.

Und dann: Stille.

Eine Sekunde. Zwei Sekunden.

Jonas' Herz hörte auf zu schlagen.

Dann: Ein Schrei. Klein. Wütend. Lebendig.

»Sie ist da!« Petra hob Emma hoch. »Ihre Tochter ist da!«

Jonas konnte nicht atmen. Konnte nicht denken. Konnte nur starren.

Das war Emma.

Winzig. Blutverkrustet. Ihre Haut rosa und faltig, Haare dunkel und nass. Ihre Augen geschlossen, Gesicht verzogen.

Nicht perfekt. Nicht wie in Filmen.

Sondern real. Lebendig. Hier.

Die schönste Sache, die er je gesehen hatte.

Petra legte Emma auf Mias Brust. Mia weinte, lachte, hielt sie fest.

»Hallo«, flüsterte sie. »Hallo, Emma. Wir haben so lange auf dich gewartet.«

Emma öffnete die Augen. Winzig klein, dunkelblau, verwirrt. Sah ihre Mutter an.

Jonas betrachtete jedes Detail. Zehn Finger, zehn Zehen, ein kleiner Mund, der sich öffnete und schloss.

»Willst du sie halten?« fragte Mia.

Jonas nickte, stumm. Petra nahm Emma vorsichtig, legte sie in seine Arme.

Sie war so leicht. Kaum drei Kilo. Aber sie fühlte sich an wie die Welt.

Warm. Weich. Ihr Körper passte perfekt in seine Arme, als wäre sie dafür gemacht worden.

Sie roch nach … er wusste nicht wonach. Nach etwas Uraltem. Nach Leben selbst.

Ihre winzigen Finger. Ihre geschlossenen Augen. Der kleine Mund, der sich öffnete und schloss.

Emma sah zu ihm hoch. Ihre Augen fanden seine.

Und in diesem Moment fiel alles weg. Die Fragen. Die Zweifel. Die Angst.

Es gab nur sie. Emma. Seine Tochter.

Jonas dachte an M2. An den anderen Jonas, der nicht hier sein konnte. Der diesen Moment verpasste.

Aber er war hier. Irgendwie. In Jonas' Händen. In Jonas' Herz.

Sie waren beide Emmas Vater. Beide hier. Beide präsent.

»Hallo«, flüsterte er. Seine Stimme brach. »Ich bin dein Papa.«

Emma machte ein kleines Geräusch. Nicht ganz ein Schrei. Mehr wie eine Frage.

Jonas lächelte durch die Tränen. »Ja. Ich bin hier. Ich bin da.«

Er schloss die Augen. Versuchte, alles zu fühlen. Für sich. Für M2. Für beide.

»Ich bin hier«, flüsterte er. »Wir sind hier. Beide. Irgendwie.«

Emma rührte sich leicht, aber wachte nicht auf.

Jonas öffnete die Augen.

»Dein Papa liebt dich«, flüsterte er. »Beide deine Papas lieben dich. Auch wenn du das noch nicht verstehst. Auch wenn es kompliziert ist. Du wirst geliebt.«

Emma schloss die Augen, kuschelte sich an seine Brust.

Jonas sah zu Mia. Sie lächelte, erschöpft, glücklich.

»Sie mag dich«, sagte sie.

»Ich mag sie auch.«

»Bist du bereit, Vater zu sein?«

Jonas sah auf Emma. Auf ihre winzigen Finger, die sich um seinen Daumen schlossen.

»Nein«, sagte er ehrlich. »Aber ich mache es trotzdem.«

Mia lachte. »Das ist alles, was man braucht.«

Später, als Mia schlief und Emma in ihrem kleinen Krankenhaus-Bettchen lag, zog Jonas sein Handy heraus.

Er machte ein Foto. Emma, schlafend, friedlich.

Schickte es an M2.

„Emma. 3.240 Gramm. 51 cm. Gesund. Perfekt.“

Die Antwort kam nach Sekunden:

„Sie ist wunderschön.“

„Ja.“

„Danke. Dass du da warst. Dass du sie gehalten hast.“

„Ich wünschte, du hättest hier sein können.“

„Ich war da. Durch dich. Ich habe alles gespürt. Die Angst. Die Freude. Die Liebe.“

Jonas sah auf Emma. „Was jetzt?“

„Jetzt lebst du. Du bist ihr Vater. Du ziehst sie groß. Du bist präsent.“

„Und du?“

„Ich lebe auch. Hier. In Helix-1. Mit deiner Mia. Wir haben heute geredet. Wirklich geredet. Sie will es nochmal versuchen. Mit uns.“

Jonas lächelte. „Das ist gut.“

„Ja. Es ist gut.“

„Werden wir jemals wieder springen können?“

Eine lange Pause.

„Ich weiß nicht. Das Flackern ist fast weg. Aber vielleicht … vielleicht ist das okay. Vielleicht brauchen wir es nicht mehr.“

„Warum nicht?“

„Weil wir uns entschieden haben. Wir haben aufgehört wegzulaufen. Wir sind da, wo wir sein sollen.“

Jonas sah auf Emma. Auf Mia. Auf das Leben, das vor ihm lag.

„Ja«, schrieb er. »Wir sind, wo wir sein sollen.“

„Pass auf sie auf. Auf beide.“

„Versprochen.“

„Und Jonas?“

„Ja?“

„Danke. Für alles. Für das Leben, das du mir gegeben hast. Für die Tochter, die ich nie halten werde, aber die ich trotzdem liebe.“

Jonas' Augen brannten. „Sie ist auch deine. Immer.“

„Ich weiß.“

Das war die letzte Nachricht.

Jonas legte das Handy weg, stand auf, trat zu Emmas Bettchen.

Sie schlief, friedlich, unschuldig. Wusste nichts von parallelen Welten, von zwei Vätern, von der Komplexität ihrer Existenz.

Und das war gut so.

Sie würde ein normales Leben haben. Ein gutes Leben. Mit einer Mutter, die sie liebte, und einem Vater, der lernte, präsent zu sein.

Jonas streckte die Hand aus, berührte vorsichtig Emmas Wange. So weich. So warm.

»Willkommen in der Welt, Emma«, flüsterte er. »Wir haben auf dich gewartet.«

Emma rührte sich leicht, machte ein kleines Geräusch. Nicht ganz ein Schrei. Aber nah dran.

Jonas lächelte.

Dann ging er zurück zu Mia, legte sich neben sie auf das schmale Krankenhausbett, und zum ersten Mal seit Wochen schlief er tief und traumlos.

Epilog

Sechs Monate später

Jonas stand am Fenster, Emma auf dem Arm, und beobachtete die Stadt aufwachen.

5:47 Uhr. Emma hatte ihn geweckt – hungrig, laut, unerbittlich. Er hatte sie gefüttert, gewickelt, gewiegt. Jetzt schlief sie wieder, warm gegen seine Brust, ihr Atem ein leiser Rhythmus.

Draußen färbte sich der Himmel rosa. Berlin erwachte. Autos. Menschen. Leben.

Jonas zählte nicht mehr. Keine Stufen, keine Atemzüge, keine Sekunden. Er hatte irgendwann aufgehört. Wann genau, wusste er nicht.

Vielleicht in der Nacht, als Emma zum ersten Mal durchgeschlafen hatte. Vielleicht an dem Tag, als Mia gesagt hatte: »Ich bin stolz auf dich.« Vielleicht nie. Vielleicht zählte ein Teil von ihm immer noch, tief drinnen, unsichtbar.

Emma atmete gleichmäßig weiter, machte ein kleines Geräusch. Jonas wiegte sie sanft, summte eine Melodie. Eines der Lieder, die Mia ihr vorsang. Er kannte den Text nicht, aber die Melodie hatte sich in seinem Kopf festgesetzt.

Oder war es in M2s Kopf? Und hatte es sich übertragen?

Er wusste es nicht mehr. Die Grenzen waren verschwommen.

Hinter ihm bewegte sich Mia im Bett, wachte auf.

»Wie lange ist sie schon wach?« Ihre Stimme war heiser vom Schlaf.

»Seit einer Stunde. Aber sie schläft wieder.«

Mia stand auf, kam zu ihm, legte ihre Arme um ihn von hinten, ihren Kopf gegen seinen Rücken. Eine vertraute Geste. Eine, die M2 tausendmal erlebt hatte.

Oder hatte er sie erlebt? Jonas konnte sich nicht erinnern.

Nein. Das war eine Lüge. Er konnte sich erinnern. Zu gut.

»Du denkst wieder nach«, murmelte Mia.

»Immer.«

»Worüber?«

Jonas schwieg einen Moment. Dann: »Über Entscheidungen. Über Wege, die wir nicht gegangen sind.«

Mia löste sich von ihm, trat neben ihn, sah ihn an. »Du meinst London.«

»Ja.«

Sie hatten nie wirklich darüber gesprochen. Über die Entscheidung, vor drei Jahren. Über das, was hätte sein können.

»Bereust du es?« fragte Mia leise. »Dass ich geblieben bin?«

Jonas sah sie an. Ihr Gesicht, müde von schlaflosen Nächten, aber glücklich. Ihre Augen, die ihn kannten. Oder dachten, ihn zu kennen.

»Nein«, sagte er. Und es war wahr. Größtenteils.

»Aber?«

»Aber manchmal frage ich mich … wer wir geworden wären. Wenn du gegangen wärst. Wenn ich mitgekommen wäre. Wenn wir andere Entscheidungen getroffen hätten.«

Mia lächelte, traurig. »Ich auch. Manchmal.«

»Wirklich?«

»Natürlich. Jeder tut das. Jeder fragt sich, was wäre wenn.« Sie strich Emma über den Kopf. »Aber dann sehe ich sie. Und ich weiß, dass dieser Weg der richtige war. Auch wenn er nicht perfekt ist.«

Jonas nickte. Sagte nichts.

Weil er nicht sagen konnte: Ich kenne den anderen Weg. Ich habe ihn gelebt. Und er war auch nicht perfekt.

Nach dem Frühstück, als Mia mit Emma spazieren ging, setzte sich Jonas auf die Couch. Griff nach seinem Handy.

Keine neuen Nachrichten.

Es war Wochen her, seit M2 das letzte Mal geschrieben hatte. Ein kurzes Update: „Mia und ich ziehen zusammen. Neue Wohnung. Neuer Anfang.“

Jonas hatte gratuliert. Hatte gefragt, wie es lief. Hatte keine Antwort bekommen.

Nicht aus Böswilligkeit, vermutete er. Sondern aus … Distanz. Sie lebten ihre Leben. Getrennt. Parallel. Aber nicht mehr verschränkt.

Oder doch?

Jonas stand auf, ging zum Fenster.

Auf der Fensterbank: eine Pflanze. Grün. Lebendig. Nicht die aus seinem Büro – die war längst verwelkt, ersetzt.

Sondern eine neue. Eine, die Mia vor Monaten gekauft hatte. »Für Emma«, hatte sie gesagt. »Damit sie etwas Grünes sieht.«

Jonas berührte ein Blatt. Weich. Lebendig. Er goss sie regelmäßig. Ohne nachzudenken. Ohne zu zählen. Einfach … weil sie da war.

Vielleicht war das Heilung. Nicht dramatisch. Nicht plötzlich.

Sondern still. Das Kümmern um kleine, lebendige Dinge.

Jonas schloss die Augen. Konzentrierte sich auf den Punkt zwischen seinen Augenbrauen. Dachte an Wasser. Kalt. Fließend. Suchte nach dem Flackern.

Es war da. Schwach. Kaum spürbar. Wie ein Echo eines Echos.

Aber da.

Jonas öffnete die Augen. Sein Herz schlug schneller.

Er könnte springen. Vielleicht. Wenn er es wirklich wollte. Wenn er sich konzentrierte. Wenn er loslassen würde.

Aber wollte er?

Er ging zum Regal. Die Gitarre stand dort, glänzend. Nicht die von seinem Vater – die war verkauft, vor Monaten, in einem anderen Leben, in einem Krieg, der jetzt wie ein Traum erschien. Aber eine neue. Eine, die vor Monaten gekommen war, in einem Paket, adressiert an Jonas. Mia hatte gedacht, sie hätte sie bestellt. »Baby-Brain«, hatte sie gelacht.

Aber Jonas wusste: Das war M2. Er hatte sie online bestellt, mit Jonas' Konto, Jonas' Adresse. Ein Geschenk. Von einem Leben ins andere. Eine Entschuldigung. Für die verkaufte Gitarre. Für den Krieg.

Ein Neuanfang.

Jonas hatte angefangen zu lernen. Basics. Akkorde. Seine Finger erinnerten sich nicht, aber sie lernten.

Oder erinnerten sie sich doch? An Stunden, die M2 verbracht hatte, in Helix-1, übend, kämpfend mit den Saiten?

Jonas nahm die Gitarre, setzte sich, legte seine Finger auf die Saiten.

Spielte.

Die Melodie kam, holprig, aber da. Ein Kinderlied. Eines, das Mia Emma vorsang.

Hatte er das gelernt? Oder wusste er es einfach? Die Grenzen verschwammen.

Am Nachmittag ging Jonas spazieren. Allein. Mia hatte darauf bestanden.

»Du brauchst Zeit für dich«, hatte sie gesagt. »Geh. Atme. Denk nach. Oder denk nicht nach.«

Er ging durch Neukölln, vorbei an Cafés, Parks, Menschen. Die Stadt lebte. Laut, chaotisch, schön.

Jonas' Handy vibrierte. Er zog es heraus.

Eine Nachricht. Von M2.

Sein Herz machte einen Sprung.

„Spürst du es?“

Jonas blieb stehen, mitten auf dem Gehweg. Menschen strömten um ihn herum.

„Was?“

„Das Flackern. Es ist stärker heute. Ich weiß nicht warum.“

Jonas schloss die Augen. Ja. Er spürte es. Stärker als in Wochen.

„Ja. Ich spüre es.“

„Ich habe heute an Emma gedacht. Den ganzen Tag. Ich habe versucht, nicht zu denken, aber … ich kann nicht aufhören.“

„Willst du springen?“

Stille. Jonas stand da, Handy in der Hand, wartete.

„Ich weiß nicht. Ja. Nein. Vielleicht. Ich will sie sehen. Halten. Kennenlernen. Aber …“

„Aber?“

„Aber das ist nicht mehr mein Leben. Ich habe ein anderes. Mit deiner Mia. Mit einer Zukunft, die nicht Emma beinhaltet. Und das ist okay. Meistens.“

„Meistens.“

„Ja. Meistens.“

Jonas setzte sich auf eine Parkbank. Sah auf sein Handy.

„Ich denke auch manchmal daran. Zu springen. Zurück nach Helix-1. Zu sehen, wie dein Leben aussieht. Ob es besser ist. Ob es leichter ist.“

„Ist es nicht.“

„Woher weißt du das?“

„Weil kein Leben leicht ist. Wir haben das gelernt, oder? Es gibt kein besseres Leben. Nur andere Probleme.“

Jonas lächelte. „Ja.“

„Aber du fragst dich trotzdem.“

„Ja.“

„Ich auch.“

Sie schrieben eine Weile, hin und her. Über Emma. Über Mia – beide Mias. Über die Leben, die sie lebten. Die Leben, die sie nicht lebten.

Dann, nach einer langen Pause:

„Wenn das Flackern zurückkommt. Richtig zurückkommt. Würdest du springen?“

Jonas starrte auf die Frage. Dachte nach. Lange.

„Ich weiß nicht«, schrieb er schließlich. »Vielleicht. Vielleicht nicht. Ich glaube, das ist die Frage, die ich für den Rest meines Lebens stellen werde.“

„Und die Antwort?“

„Die Antwort ändert sich. Jeden Tag. Manchmal jede Stunde.“

„Ja. Bei mir auch.“

„Ist das der Preis? Für das Wissen, dass es Alternativen gibt?“

„Ich glaube schon. Wir können nie wieder glauben, dass unser Leben das einzige ist. Das einzig mögliche. Wir wissen, dass es andere gibt. Und das nagt. Immer.“

Jonas lehnte sich zurück, sah in den Himmel. Wolken zogen vorbei, formlos, endlos.

„Aber wir bleiben trotzdem. Wo wir sind.“

„Ja. Wir bleiben. Weil das Leben nicht perfekt sein muss. Es muss nur gelebt werden.“

„Vater hätte das gemocht. Diese Erkenntnis.“

„Ja. Er hätte gelacht. Und dann hätte er gesagt: Hört auf zu philosophieren und lebt einfach.“

Jonas lächelte. „Ja.“

Am Abend, als Emma schlief und Mia neben ihm auf der Couch saß, spürte Jonas das Flackern wieder.

Stärker diesmal. Fast schmerzhaft.

Er schloss die Augen. Konzentrierte sich. Der Geschmack von Kupfer explodierte auf seiner Zunge.

Er könnte springen. Jetzt. Zurück nach Helix-1. Zu seinem alten Leben. Zu sehen, was M2 daraus gemacht hatte.

Oder nach vorn. Zu einem dritten Leben. Einem vierten. Unendliche Möglichkeiten, unendliche Welten.

Das Ziehen wurde stärker. Das Fallen. Die Verführung.

Mia legte eine Hand auf seine. »Alles okay?«

Jonas öffnete die Augen. Sah sie an.

»Ja«, sagte er. »Alles okay.«

Das Flackern war noch da. Würde immer da sein. Eine leise Erinnerung an das, was möglich war. An die Welten, die er nicht lebte.

Aber er war hier. Jetzt. Mit Mia. Mit Emma.

Das war genug.

Meistens.

Mia kuschelte sich an ihn. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

»Auch wenn du manchmal woanders bist. In deinem Kopf.«

Jonas lächelte. »Auch dann.«

Sie saßen so, in Stille, während draußen die Stadt lebte.

Jonas' Uhr zeigte 14:37. Immer noch stehengeblieben.

Aber vielleicht … vielleicht tickte sie doch. Unhörbar. Unsichtbar. Aber da.

Jonas hielt sie ans Ohr. Lauschte.

Nichts.

Oder … doch? Ein leises Ticken? So schwach, dass er nicht sicher war, ob er es sich einbildete.

Er ließ die Hand sinken. Lächelte.

Jonas schloss die Augen. Nicht um zu springen. Nur um zu sein.

Das Flackern war da. Würde immer da sein. Aber er blieb.

Heute.

Morgen vielleicht nicht.

Aber heute blieb er.

Irgendwo, in Helix-1

M2 stand am Fenster seiner neuen Wohnung. Mia – die andere Mia – schlief im Bett hinter ihm.

Die Wohnung roch nach frischer Farbe. Nach Neuanfang. Sie waren vor zwei Wochen eingezogen. Ein paar Kisten standen noch unausgepackt in der Ecke.

Aber es fühlte sich an wie … Zuhause. Zum ersten Mal seit Monaten.

Er spürte das Flackern. Stark. Verlockend.

Er könnte springen. Zu Emma. Zu dem Leben, das er nicht lebte. Zu der Tochter, die er nie halten würde.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Sehnsucht war physisch, schmerzhaft. Ein Loch in seiner Brust, das nie ganz heilen würde.

Er hatte das Foto gesehen. Das, das M1 geschickt hatte. Emma, winzig, schlafend.

Seine Tochter. Die er nie halten würde.

M2 hatte es ausgedruckt. Heimlich. Lag jetzt in seiner Schublade, unter alten Rechnungen.

Er sah es manchmal an. Spät nachts, wenn Mia schlief.

Und jedes Mal fühlte es sich an, als würde etwas in ihm zerbrechen. Aber er bewegte sich nicht.

Drehte sich um. Sah auf Mia.

Sie war nicht schwanger. Würde vielleicht nie schwanger sein. Das war ein anderes Leben. Andere Entscheidungen.

Aber sie war hier. Real. Seine. Und das musste genug sein.

M2 ging zurück ins Bett. Legte sich neben sie. Sie murmelte etwas im Schlaf, kuschelte sich an ihn.

Das Flackern pulsierte, leise.

Er dachte an Emma. An das Foto, das M1 geschickt hatte. An die winzigen Finger, die er nie halten würde.

Die Sehnsucht war da. Würde immer da sein.

Aber Mia war auch da. Warm. Real. Hier.

Und das musste genug sein.

Aber er blieb.

Für jetzt.

Irgendwo, zwischen den Welten

Das Flackern pulsierte. Leise. Endlos.

Eine Frage ohne Antwort.

Ein Leben ohne Gewissheit.

Aber gelebt. Trotzdem.

Jonas, am Fenster, Emma auf dem Arm.

Das Flackern, unsichtbar, aber spürbar.

Die Uhr bei 14:37.

Die Stadt erwacht.

Und Jonas bleibt.

Für jetzt.