Wenn alle Zeiten gleichzeitig schießen

Ein Schützengraben im Donbas. Kniehoch Schlamm, eine Szene, die im Jahr 1916 stattfinden könnte – Verdun, Somme. Die Männer darin kämpfen nicht nur gegen den Gegner, sondern gegen Nässe und Kälte; Schützengrabenfuß ist wieder da, als hätte der Erste Weltkrieg eine Hintertür offengelassen.

Nur fliegt über ihnen kein Doppeldecker aus Holz und Leinwand. Über ihnen hängt ein Quadcopter. Unten sitzt kein Pilot, der Wind und Flak spürt, sondern ein Teenager mit VR-Brille. Orson Scott Cards Ender’s Game wirkt in solchen Bildern plötzlich nicht mehr wie Science-Fiction, sondern wie eine groteske Bedienungsanleitung: Krieg als Benutzeroberfläche. Die Distanz zwischen Täter:innen und Opfer wird durch den Bildschirm maximal, die Konsequenz bleibt tödlich.

Die Drohne sendet Live-Daten über Starlink an eine Artillerie-App auf einem Tablet. Während Granaten einschlagen, filmt ein Soldat den Angriff, legt Phonk darunter und lädt das Video auf TikTok. Der physische Tod wird im selben Augenblick zur digitalen Munition – in einem Informationskrieg, der nicht „nebenher“ läuft, sondern in Echtzeit auf Bildschirmen in Washington, Peking und Berlin mitgeführt wird.

Willkommen in der polymodernen Kriegsführung.

I

Wir neigen dazu, Geschichte wie Betriebssystem-Updates zu erzählen: Version 1.0 wird durch Version 2.0 ersetzt. Das Schwert weicht der Muskete, die Muskete dem Maschinengewehr, das Maschinengewehr der Cyberwaffe. Das wirkt in ihrem Kontext beruhigend, weil es Ordnung verspricht: alt raus, neu rein. Nur, dass es nicht stimmt. Wir deinstallieren die alten Versionen nicht – wir stapeln sie übereinander.

William Gibson hat das in einem Satz eingefangen, der inzwischen selbst zum Meme geworden ist: „Die Zukunft ist schon da – sie ist nur ungleich verteilt.“ In der Welt, in der wir jetzt leben, existieren mehrere Epochen des Krieges gleichzeitig. Es wird mit Keulen und Steinen an der indisch-chinesischen Grenze geprügelt, mit Artillerie in der Ukraine gekämpft, im Sahel mit Selbstmordattentätern terrorisiert – und parallel zirkulieren memetische Viren durch die Serverfarmen des Silicon Valley.

Analyst:innen wie Adam Karaoguz oder der Sicherheitsexperte Mark Galeotti formulieren dazu eine nüchterne Diagnose: Wir leben nicht mehr in einer Zeit von Krieg oder Frieden, wir leben in einem Zustand permanenter, omnidirektionaler Konfliktualität. Alles kann zur Waffe umgearbeitet werden: Gesetzestexte, Kulturfestivals, Weizenpreise, Memes.

II

Wenn diese Gleichzeitigkeit verständlich werden soll, müssen wir die Schichten freilegen. Militärtheoretiker:innen teilen Kriegsführung in „Generationen“ ein. Im polymodernen Zeitalter sind diese Generationen aber keine sauberen Kapitel – sie sind aktive Ebenen eines einzigen Konflikts.

Ganz unten liegt der Kampf der Stämme, oft als 0GW bezeichnet: Hinterhalt, Plünderung und ritualisierte Gewalt. Staaten sind dafür nicht nötig, und manchmal stehen sie dabei nur im Weg. Heute erscheint diese Form in Kartellkriegen in Mexiko oder in Stammeskonflikten im Jemen. Und sie passt auffällig gut zu dem, was im Neomittelalter wieder auftaucht: Warlords, Loyalitäten und Gewalt als Geschäft.

Darüber liegt die Ordnung der Linien, 1GW: Mit dem Westfälischen Frieden 1648 wird staatliche Gewalt monopolisiert – zumindest als Anspruch. Krieg wird „geordnet“, durch das Schauspiel der Uniformen, Ränge und Exerzierplätze, durch Signale und Regeln. Der Sinn dieser Ordnung ist nicht Romantik, sondern Domestizierung: Chaos soll beherrschbar werden, Paraden sollen Blut ersetzen, Genfer Konventionen sollen die Bestie an die Leine legen.

Dann kommt die industrielle Kriegsführung, 2GW: Im Ersten Weltkrieg wird Krieg zur Frage von Logistik und Feuerkraft. Artillerie erobert, Infanterie besetzt. In der Ukraine ist diese Grammatik wieder sichtbar – nicht überall, nicht ausschließlich, aber deutlich: Masse statt Klasse, Feuerwalzen, Städte als Verbrauchsmaterial.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kommt das Manöver, 3GW: Durchbruch, Geschwindigkeit, Blitzkrieg und Chaos im Hinterland. Westliche Militärs träumen noch immer davon, diesen Krieg zu führen; schnell und elegant. Viele Gegner:innen haben allerdings gelernt, wie sie sich solchen Fantasien entziehen – durch Auflösung und Streuung sowie politischer Zähigkeit.

Seit 1945 dominiert deshalb die irreguläre Kriegsführung, 4GW: Fronten verschwimmen. Der Feind trägt keine Uniform, er ist tagsüber Bauer, nachts Kämpfer. Nicht die militärische Niederlage ist das Ziel, sondern politische Erschöpfung, zu beobachten zum Beispiel in Vietnam, in Afghanistan und im Irak.

Und nun ist eine Ebene dazugekommen, die vorschnell als „5GW“ etikettiert wurde und heute präziser als hybride Kriegsführung beschrieben wird.

III

Dieser Krieg findet nicht primär auf Landkarten statt, sondern in Köpfen. Er ist Krieg durch Wahrnehmung und Deutung. Das Schlachtfeld ist unser Feed.

Jean Baudrillard hat 1991 mit dem Essay Der Golfkrieg findet nicht statt provoziert: Gemeint war nicht, dass keine Bomben fielen, sondern dass das Medienereignis, das konsumiert wird, sich von der physischen Gewalt abkoppelt. Heute wirkt diese Diskrepanz radikalisiert: Das Bild des Krieges zählt oft mehr als der Krieg selbst, weil das Bild die politische Wirkung trägt.

In hybrider Kriegsführung wird Attribution zum Kernproblem. Wer hat angegriffen? Ist der virale Post, der Unruhen auslöst, das Werk eines frustrierten Bürgers, einer Troll-Farm in St. Petersburg – oder eines Algorithmus, der schlicht auf Wut optimiert ist? Galeotti warnt davor, hinter allem einen genialen russischen Masterplan zu sehen, etwa unter dem Label einer oft zitierten, aber nicht existenten „Gerasimov-Doktrin“. Häufig ist es opportunistisches Chaos: kein Orchester, eher Jam-Session – aber mit realen Schäden.

Die Waffen heißen dann nicht Panzer, sondern Memes. Richard Dawkins prägte den Begriff als „kulturelles Gen“. Im modernen Konflikt ist das Mem weniger Gen als Virus, wie der „Nam-Shub“ aus Neal Stephensons Snow Crash: ein neurolinguistischer Angriff, der das Denken hackt. Nur, dass wir keine Sci-Fi-Drogen dafür mehr brauchen; ein 15-sekündiger Clip genügt. „Pepe der Frosch“ ist dann nicht „nur“ ein Witz, sondern ein Kombattant. Ein gut platziertes Meme kann gesellschaftlichen Zusammenhalt effektiver zersetzen als eine Division Panzer – weil es nicht auf Stahl zielt, sondern auf Identität.

Das Ziel ist nicht Eroberung, sondern die Erosion der Wahrheit, des Vertrauen und der Orientierungsfähigkeit. Das beschreibt Galeotti in The Weaponisation of Everything: die Militarisierung des Alltags.

IV

Nur, weil der direkte Kriege zwischen Großmächten zu teuer und zu gefährlich wird – Atomwaffen machen aus „Sieg“ schnell Selbstmord –, verschwindet Konflikt nicht. Er wechselt das Medium. Alles, was früher „zivil“ hieß, wird Dual Use.

Recht wird zur Waffe (Lawfare). Früher beendeten Jurist:innen Kriege, heute eröffnen sie sie. China nutzt das Seerecht, um künstliche Inseln zu legitimieren. Russland missbraucht Interpol-Red-Notices, um Dissident:innen weltweit zu verfolgen. Die USA agiert als Sanktionsregime und extraterritoriale Rechtsdurchsetzung wird eingesetzt, um Gegner:innen finanziell zu strangulieren. Der Borelord – der langweilige Bürokrat – ersetzt nicht den Warlord; er ergänzt ihn.

Kultur wird zur Waffe. Hollywood war lange amerikanische Soft Power. Andere haben gelernt, zurückzuschlagen: Chinas „Wolf Warrior“-Filme sind nicht nur Unterhaltung, sie sind psychologische Mobilmachung. Videospiele dienen gleichzeitig als Rekrutierungsinstrumente und Geschichtsschreibung. Wenn K-Pop in Nordkorea als „gefährlicher Einfluss“ gilt, zeigt das nicht Übertreibung, sondern Klarheit: Ein Song ist nicht nur ein Song. Er ist Infiltration.

Wirtschaft wird zur Belagerung. Sanktionen sind die moderne Blockade. Es werden keine Städte mehr ausgehungert; sie werden vom SWIFT-System abgeschnitten. Fabriken werden nicht zwingend bombardiert; ihnen wird der Zugriff auf Mikrochips verwehrt. Und parallel werden Eliten gekauft. Galeotti nennt das „Schröderisierung“: westliche Politiker:innen werden so tief in lukrative Aufsichtsratsposten verstrickt, dass sie zu Einflussagent:innen werden. Korruption ist dann nicht mehr nur Kriminalität, sondern asymmetrische Kriegsführung.

Migration wird zur Artillerie. Wenn Lukaschenka oder Erdoğan Flüchtlinge an EU-Grenzen drücken, werden Menschen als Munition eingesetzt – wissend, dass die Bilder humanitärer Krisen politische Systeme destabilisieren können. Zynisch, brutal und wirksam.

V

Das Neue an unserer Zeit ist nicht, dass eine dieser Formen dominiert. Das Neue ist die Gleichzeitigkeit. Der polymoderne Krieg ist ein Multiplex-Kino, in dem alle Filme parallel laufen – und wir sollen trotzdem so tun, als säßen wir in einem Saal.

In der Ukraine sehen wir industriellen Krieg und Manöver. Gleichzeitig läuft hybride Kriegsführung über TikTok. Private Söldner wie Wagner (jetzt: Africa Corps) agieren in Mali mit Logiken, die eher an Stammeskrieg erinnern, werden aber aus Staatsbudgets mitfinanziert und über diplomatische Schutzräume, Propaganda und Lawfare abgeschirmt. Ein Individuum wie Elon Musk kann durch Kontrolle über Starlink in einen kinetischen Krieg eingreifen – ein Merkmal des Neomittelalters, in dem sub-staatliche Akteur:innen Macht projizieren, die früher König:innen vorbehalten war.

Hideo Kojimas Metal Gear Solid 4 beschrieb eine Welt, in der Krieg Routine ist: geführt von privaten Militärfirmen, stabilisiert durch allgegenwärtige Informationssysteme. Was damals nach Cyberpunk aussah, wirkt heute wie eine überdeutliche Allegorie. Unsere Institutionen sind oft noch für den Krieg der Linien und Fabriken gebaut. Sie haben Mühe mit Gegnern, die gleichzeitig einen Panzer schicken, einen Anwalt, einen Troll und eine Flüchtlingsroute.

VI

Wir sollten uns angewöhnen, Konflikt nicht erst dort zu erkennen, wo Bomben fallen. Das klingt schnell paranoid, ist aber vor allem eine begriffliche Hygiene. Wer online geht, betritt kein neutrales Gelände. Dort wird um Aufmerksamkeit, Deutung und Vertrauen gekämpft – und unsere Empörung ist der Rohstoff, den andere ernten.

Daraus folgt: Medienkompetenz ist Selbstverteidigung. In hybrider Kriegsführung ist Quellenkritik so wichtig wie das Reinigen einer Waffe im Schützengraben. Das SIFT-Modell (Stop, Investigate, Find better coverage, Trace claims) ist keine akademische Fingerübung, sondern mentale Hygiene.

Wir sollten außerdem akzeptieren, dass Technologie eben nicht neutral ist. Jedes Tool formt uns. X ist nicht nur ein Kommunikationsmittel; es ist eine Maschine, die Stammeskonflikte verstärken kann. KI ist nicht nur Werkzeug; sie ist Multiplikator für Täuschung und Effizienz.

Und schließlich bleibt epistemische Demut. Wir leben in dem, was Spionage-Legenden wie James Jesus Angleton und Autor:innen wie John le Carré als „Wilderness of Mirrors“ beschrieben haben: ein Labyrinth aus Reflexionen und Täuschungen, in dem Wahrheit von Bodyguards aus Lügen umstellt wird, bis sie selbst nicht mehr herausfindet. In einer polymodernen Welt, in der Nebelkerzen Standardtaktik sind, kann Gewissheit gefährlich werden.

Wir müssen Ambiguität aushalten – und damit leben, dass oft unklar bleibt, wer angreift und was stimmt.

VII

Stärke bedeutet heute nicht mehr, die lauteste Meinung zu haben. Stärke bedeutet, interne Komplexität aufzubauen, die der externen Komplexität standhält: den Panzer zu sehen, das Meme, das Gesetz, das Geld – und zu begreifen, dass alles Teile desselben unübersichtlichen Spiels sind.

Der Frieden, wie wir ihn uns gern erzählt haben – als stabiler Zustand, in dem Konflikt aussetzt –, kommt so nicht zurück. Wir leben in der Ära des permanenten, polymodernen Rauschens. Stille wird es selten „da draußen“ geben. Wenn es sie gibt, dann müssen wir sie in uns selbst herstellen.